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‘Kultur’ Category

  1. 9 Nächte

    Februar 7, 2018 by Nina

    (6 im Zug, 2 in Städten, 1 in der Wüste)

    Wen würde ich, wenn ich mich entscheiden müsste lieber heiraten: einen Inder oder einen Deutschen? Diese Frage hatte ich mir, ehrlich gesagt, noch nie so gestellt. Und doch tauchte sie am zweiten Tag der Reise auf, die Mira und ich nach Rajasthan unternahmen. Gestellt wurde diese Frage von einem tamilischen College Studenten, dessen Namen ich mir leider nicht merken konnte und den wir zusammen mit 6 seiner Kommilitonen auf unserer 38-stündigen Hinfahrt im Zug kennenlernten. Zugegebenermaßen war mir zunächst etwas mulmig zumute, als mir klar wurde, dass ich auf der ersten nächtlichen Zugfahrt meines Lebens das Abteil mit 7 fremden jungen Indern teilen würde. Jegliche Vorbehalte schwanden aber, da wir nach allen Regeln der Kunst mit ihren mitgebrachten Speisen gemästet wurden, sie verkündeten uns Tamil beibringen zu wollen, ein paar Augen über die Bettkante lugten, um mir zu versichern, dass bei „any problems at night“ ich nur zu rufen brauchte, und am Ende nicht nur die unvermeidliche Selfie-Time, sondern auch kunstvoller deutscher und tamilischer Gesang stand.

    Diese für indische Verhältnisse nicht wirklich ungewöhnliche Begegnung sollte während der zehntägigen Reise keine Ausnahme bleiben. Denn nachdem wir im deutschen Stechschritt in zwei Tagen (fast) alle Touristenattraktionen in Jaipur abgeklappert hatten, stand die nächste Nacht im Zug auf dem Weg nach Jaisalmer an. Von der „Pink City“, wie Jaipur auch genannt wird, waren wir ziemlich erschöpft, weil jegliches Schlendern über die Straßen zwischen den Tourismus-Hotspots von allzu aufdringlichen Tuktuk-Fahrern, Geschäftseigentümern und der hohen Luftverschmutzung verleidet wurde.

    Als wir daher müde auf unserer Sitzbank im Zug hingen, stellten wir überrascht fest, dass im Nachbarabteil des Sleeper-Class-Waggons sich noch ein weiteres weißes weibliches Wesen befand. Wie wir später feststellten war die mutige Reisende eine polnische Ärztin, die alleine und ohne großen Plan durch Indien reist, und auch auf dem Weg nach Jaisalmer war. Im Gegensatz zu uns traute sie sich während eines Halts unabsehbarer Länge aus dem Zug, um Essen am Bahnsteig zu kaufen. Unsere hungrigen Blicke waren scheinbar nicht so unauffällig wie wir dachten, denn sie teilte ihre Portion mit uns und ging dann, kurz bevor der Zug losfuhr, Nachschub besorgen. Aber auch für sie zahlte sich die Begegnung aus, denn als nach einer kurzen durchfrorenen Nacht der Zug tatsächlich mit einer halben Stunde Verspätung pünktlich um 5:20 am am Zielbahnhof ankam, hätte sie ohne uns als lebendige Wecker noch selig geschlafen. Als langsam die Sonne immer mehr und mehr von der architektonischen Schönheit und der müllüberzogenen Hässlichkeit Jaisalmers enthüllte, war unsere Laune kältebedingt leider nahe des Gefrierpunkts angelangt. Mit dem frühmorgendlichen Einchecken ins Hotel, einem leckeren Frühstück und dem darauffolgenden Besuch eines Desert-Festivals (Wusstet ihr, dass es Kamel-Polo gibt?) waren wir aber bald wieder guter Dinge.

    Für die nächste Nacht im Zug waren wir mit einer zusätzlichen Decke und mit deutlich entspannterer und positiverer Stimmung bewaffnet. Außerdem gingen wir an diesem Tag nicht alleine zum Bahnhof, da wir auf der Kamel-Safari in der Wüste hinter Jaisalmer (unter anderem) einen Nord-Ost-Inder kennen gelernt hatten, der auch unser Zuggefährte werden sollte. Der Kamelritt während der Safari war für mich wie Pony-Reiten in der Wüste. Sehr, sehr große Ponys. Und erstaunlich gut erzogene. Der vorbildlich organisierte Ausflug beinhaltete aber nicht nur den erwähnten Ritt auf einem Kamel sondern auch das Übernachten unter freiem Himmel in der Wüste. Neben einer besonders schönen Düne wurde unser Lager aufgeschlagen und es war ein fast perfekter Tag mit einem wunderschönen Sonnenuntergang, einer folgenden Mondfinsternis, während der sich unzählige Sterne neben dem Blutmond hervortrauten, und schließlich einem beeindruckenden Vollmond, der mit seiner Strahlkraft der Sonne versuchte Konkurrenz zu machen. Seien wir ehrlich: In der Wüste hat der Mond da keine Chance, aber es war ein guter Versuch.

    Nach einem Tag in Jaipur, den wir unmotiviert die meiste Zeit in unserem ehemaligen Hotel verbrachten, traten wir schon wieder die Rückreise Richtung Auroville an, um im Zug sofort vom indischen Klischee umzingelt zu werden: Eine Großfamilie mit einem unangefochtenen Hahn im Korb, einer fürsorglichen Mutter, zwei mitreisenden Tanten, einer rebellierenden Tochter und einem kleinen Sohn. Da auch diese Mitreisenden uns nicht verhungern ließen, steht fest,dass auch bei allen Unterschieden zwischen Rajasthan und Tamil Nadu (Sprache, Essen, Architektur, Menschen, Kühe) Indien mehr zusammen hält als nur „Faulheit und Chaos“.

    Nach diesem fulminanten Abschluss unserer Reise bleibt nur noch eine Frage: Wen würde ich lieber heiraten: einen Deutschen oder einen Inder? Muss ich darauf eine Antwort kennen?


  2. Pongal

    Januar 18, 2018 by Mira

    „Hausaltar“

    Vom 13.1. bis zum 16.1. wurde hier in Tamil Nadu Pongal gefeiert, ein Erntedankfest, und in etwa so wichtig wie bei uns in Deutschland Weihnachten. Am ersten Tag verbrennt man alte Dinge und bereitet sich auf die nächsten Tage vor. Der zweite Tag, den ich bei meiner Familie in Pondi verbracht habe, ist der eigentliche Pongaltag. Jede Familie feiert ihn etwas anders, aber letztlich ist allen gemein, dass sie ein Gericht namens Pongal und weitere Speisen kochen. Diese werden dann zuerst den Göttern gegeben  und erst dann selbst gegessen, nachdem gewisse Zeremonien durchgeführt wurden,

    Auch das Haus meiner Familie in Pondi ist festlich mit Kolams geschmückt

    mit denen man den Göttern und der Natur für alles, was sie einem gegeben haben, dankt. Auch sind die Kolams während Pongal noch aufwendiger und schöner als sonst, wobei diese vor Sonnenaufgang fertig sein sollen. In den Dörfern gibt es oft Wettbewerbe, wer denn die schönsten Kolams „malt“. Da Pongal ein Erntedankfest ist und man Wohlstand und Überfluss zeigen möchte, sollte das Essen möglichst überkochen.

    Am dritten Tag dankt man den Kühen für ihre Dienste, wäscht sie und führt Rituale mit ihnen durch. Auch landwirtschaftlichen Gerätschaften dankt man rituell. Diesen Tag haben Jasper, Nina und ich an einem Baggersee verbracht, doch auf dem Weg dorthin konnten wir dies alles beobachten.

    Wir hatten den ganzen See nur für uns. Und von den Felsen zu springen macht echt Spaß.

    Der vierte Tag wird auf dem Land und in der Stadt etwas anders verbracht. An diesem Tag bekommen die jungen Leute in der Stadt (vlt. auch auf dem Land) von älteren Personen, sei es Familie oder Nachbarschaft, Geld geschenkt. In Kuilappalayam, einem Dorf bei Auroville, wurden die Kühe geheiligt und „geschmückt“ und durchs Dorf getrieben. Es wurde mit Bananen und Konfetti um sich geworfen, laute Musik gespielt und sich auf einem kleinen Markt vergnügt. Selbst Leute aus Pondicherry sind angereist, um sich dieses Spektakel nicht entgehen zu lassen. Es herrschte eine ausgelassene Stimmung unter den Menschen, doch ob auch unter den Kühen, sollte man bezweifeln. Hier noch ein paar Eindrücke von diesem Event und auch ein paar Bilder von Kolams, die es massenhaft in festlicher Gestaltung dieser Tage gab:


  3. Tiruvannamalai

    Dezember 18, 2017 by Mira

    Am Wochenende haben sich unter der Führung von Jürgen ein paar von uns (Jasper, Daniel, Manuel, Camilla, Johann, Luk und ich) nach Tiruvannamalai aufgemacht. 3h hat die Motorradfahrt gedauert (ohne die Pausen) und gefahren sind wir über einige Landstraßen und Highways, wobei wir auf beiden in unserem jugendlichen Übermut mit Freude versuchten, das äußerste aus unseren Motorrädern herauszuholen, sofern der Verkehr nicht zu dicht war.

    In der Ferne ist der Berg schon von weitem zu sehen

    Angekommen sind wir in Tiruvannamalai am Samstagabend. Neben Bezug eines Hotels und irgendwo gemeinsam zu Abend essen gehen, haben wir uns noch den Ashram von Sri Ramana Guru angeschaut. Allgemein findet man in Indien überall hinduistische Tempel, Moscheen und Kirchen. Aber in dieser Stadt schien die Fülle an hinduistischen Elementen noch mehr zu sein als sonst, was vielleicht daran liegt, dass sich Tiruvannamalai am Fuße eines heiligen Berges befindet. So soll Sri Ramana eine Inkarnation von diesem heiligen Berg gewesen sein. Im Ashram selbst war, als wir dort ankamen, gerade ziemlich viel los. In einer großen Halle saßen viele Inder, aber auch recht viele Weiße in Reih und Glied und sangen bzw. sprachen immer wieder dieselben Sätze (oder Wörter?). Ein paar umrundeten auch einen goldenen Stuhl, reichlich mit Blumen geschmückt. Der fast monotone Sprechgesang schien die Anhänger Ramana Gurus in Meditation zu versetzen. In einigen Nebenräumen waren Leute in das Studieren seiner Lehren vertieft und in einem weiteren Raum wurden hinduistische Götter verehrt. Stets umgab einen hier der Geruch von Räucherstäbchen und brennenden Ölkerzen in Tonschälchen.

    Am nächsten Tag begann dann der Aufstieg auf den 800m hohen, heiligen Berg. Jürgen und ich machten uns bereits gegen 5 Uhr morgens an den Aufstieg, die anderen folgten später. Im noch Dunkeln kletterten wir somit den Berg hoch, wobei ich mit klettern meine, dass es keine ebenen Wege oder Treppen gab, sondern wir wirklich über große und kleine Steine und teilweise fast glatte Felswände hochkraxeln mussten. Während unseres Aufstiegs wurde der Himmel immer heller, doch einen wirklich schönen Sonnenaufgang konnte man nicht sehen, denn der Smog über der Stadt in Verbindung mit der hier allgemein hohen Luftfeuchte, verminderte die Aussicht extrem. Nach 1½h war der (anstrengende) Aufstieg dann geschafft. Sonderlich weit konnte man aus eben genannten Bedingungen nicht schauen, dennoch war die Aussicht überwältigend (und der starke Wind eisig). Ein paar Anhänger eines bereits verstorbenen Gurus, der hier oben 17 Jahre lang gefastet hatte, leben dort in einer winzigen Hütte. Einer kam zu mir und hat mir die heiligsten Stellen gezeigt und mir vorgemacht, wie ich mich zu verhalten hätte, um den Segen des Berges zu bekommen. Auch führte er mich in eine kleine Höhle mit einer blütenbedeckten Statue und einem bereits brennenden Räucherstäbchen. Dort saßen wir einige Zeit und führten ein paar Rituale durch, die ich nicht in Kürze zu beschreiben vermag. Später brachte er mich in ihre winzige Hütte und man bot mir etwas zu trinken an.

    Auch hier oben sind die Geräusche der Stadt noch nicht verklungen

    Nach einem scheinbar nicht enden wollenden Abstieg und einer kurzen Erfrischung im Hotel, machte ich mich noch auf den Weg in den Annamalaiyar Tempel. Es handelt sich hierbei um eine große Tempelanlage mit mehreren reich verzierten Tempeltürmen. Jährlich strömen Tausende von Pilgern hierher und auch als ich den Tempel betrat, herrschte Hochbetrieb. Was für ein Gedrängel – alle wollen sie einmal durch den heiligsten Teil des Tempels durchgeschleust werden, um zumindest für einen kurzen Moment vor einer Statue ein paar Worte zu sprechen und sich segnen zu lassen oder um Hilfe für etwas zu bitten. Im Gegensatz zum Ashram befanden sich hier ausschließlich Inder, mit Ausnahme von mir, was mich gleich zur Touristenattraktion machte – „Selfie, selfie?“.

    Im Nebenabschnitt des Tempels


  4. Ramco Cements Ltd.

    Dezember 13, 2017 by Mira

    Ramco Cements Limited ist eine zement-, beton- und mörtelherstellende Firma in Indien, die jährlich Gewinne im Milliardenbereich macht. Ein Fabrikstandort befindet sich in Alathiyur, Tamil Nadu (ca. 3h Autofahrt von Auroville entfernt). Ramco versucht seit Jahren mit den Dörfern in der Umgebung zusammenzuarbeiten und da die Frau des Geschäftsinhabers mit Lucas, meinem Chef, über die Zusammenarbeit von EcoPro und der AVM School in Chennai befreundet ist, kam es dazu, dass man EcoPro (bzw. Lucas) darum gebeten hat, mal nach Alathiyur zu kommen und evtl. Projekte in den Dörfern zu starten oder zumindest Ideen und Vorschläge an Ramco weiterzuleiten und somit consulting zu betreiben.

    So kam es dazu, dass wir, also Lucas, Abhinav (ein tamilischer Mitarbeiter) und ich, am frühen Montagmorgen, als die Sonne gerade versuchte, durch den kalten Nebel die taubedeckten Wiesen zu bescheinen, im Auto saßen und nach Alathiyur fuhren. Zusammen mit der Frau des Geschäftsinhabers, Nirmala, wurden wir im employee quarter untergebracht. Viele (höher) Angestellte bei Ramco kommen nämlich nicht aus den Dörfern und daher wurde auf dem Fabrikgelände extra eine Art Mini-Stadt angelegt, wobei alles ziemlich einem wohlhabenden, jedoch nicht übertrieben reichen Vorstadtviertel glich. Stets wuselten irgendwelche Leute, ich möchte gar sagen, Diener, in unserem Haus herum, die stets hilfbereit uns die Türen aufhielten und während des Essens dafür sorgten, dass es uns an nichts mangelte. Wir wurden in recht luxiorösen Autos herumkutschiert und auch mit Begrüßungsformalitäten hat man es nicht untertrieben. Nachdem man 3 Monate lang in Kapseln mitten in der Natur gewohnt hat und auch aus den Dörfern nur eine einfach, bescheidene Lebensweise gewöhnt ist, kann so etwas sehr abschreckend auf einen wirken. Und auch jetzt im Nachhinein sind mir die kleinen, schäbigen Buden der Dörfler noch immer sypmathischer als diese mehrstöckigen, den eigenen Wohlstand präsentierenden Vorstadtsviertelhäuser.

    Fabriktürme aus der Ferne

    Genug davon. Wie, wo, was haben wir gearbeitet? Neben Besichtigung der Minen, der Farbik und den Wiederaufforstungsstandorten, um Ramco besser kennenzulernen, haben wir uns für Besprechungen immer in irgendwelchen riesigen Konferenzräumen getroffen. Ich habe mich schon etwas fehl am Platze gefühlt, als einzige weiße, weibliche Person unter 30 schick angezogenen männlichen Tamilen. Da konnte die Anwesenheit von Lucas, Abhinav und Nirmala nichts dran ändern. In den Dörfern habe ich mich schon wohler gefühlt. Wir sind herum gelaufen, haben uns die Gegebenheiten angeschaut und sehr viel mit den Menschen vor Ort geredet, um zu erfahren, was sie benötigen, wobei Lucas und ich aufgrund fehlender Tamilkenntnisse uns so einiges übersetzen lassen mussten. Die meisten Bewohner der Dörfer haben uns ohne Schwierigkeiten berichtet, was sie (selbst oder als Dorf) bräuchten (und haben wollen), wobei die Frauen sich in Anwesenheit der Männer zumeist etwas zurückhielten und erst getrennt von diesen etwas gesprächsfreudiger und genauer wurden. Doch dann gab es in jedem Dorf ein oder zwei Personen, die die bisher so friedlichen Gespräche in hitzige Diskussionen verwandelten, indem sie Ramco und auch uns Vorwürfe machten, die letztlich meist nur bedeuteten: Warum habt ihr mich bisher noch nicht bei euch angestellt? Aufgrund solcher Leute durfte Nirmala nicht mit in die Dörfer kommen – (angeblich) zu gefährlich. Auch mussten Lucas und ich uns einmal während solch einer Debatte ins Auto begeben, die Ramcoangestellten hatten Sorge um unser Wohlergehen. Jetzt möchte ich jedoch nicht den Eindruck erwecken, in Tamil Nadu sei es gefährlich. Nein, die Tamilen sind sehr viel offener und gastfreundlicher als die Deutschen und schenken einem eindeutig schneller Vertrauen. Es ist zwar vieles sehr viel formeller, aber dafür menschlich nicht so distanziert wie in Deutschland. In den Dörfern um das Fabrikgelände jedoch hat sich das Leben politisiert. Einige wenige Leute wollen Profit machen, indem sie Ramco die Zusammenarbeit mit den Dörfern durch Vorwürfe und Aufhetzungen erschweren. Oft scheint es manchen Leuten so, dass, wenn Ramco irgendwo jmd hilft, die Firma für jmd Partei ergreifen würde, und das ist natürlich zumeist der persönliche Gegner, dem da geholfen wird. Lediglich in einem Dorf schien das Gemeinschaftsgefühl stärker vorhanden zu sein, da hatten wir nicht solche Probleme.

    Was ist das Ergebnis unserer Besichtigungstour? Diese Dörfer haben dieselben oder die ähnlichen Probleme wie viele andere Dörfer in Indien. Erstens Straßen: Ungeteerte und ungepflasterte Straßen sind während und auch nach dem Monsun noch lange fast unpassierbare Straßen. Doch falls die Regierung tatsächlich mal Straßen bauen sollte, baut sie sie oft so, als ob es keinen Monsun gäbe. Irgendwo aber müssen die Massen an Wasser ja schließlich hinfließen und betonierte Seitengräben (ohne großes Gefälle) sind reinste Moskitozuchtstationen. Letzteres ist ein besonders großes Problem auch in Pondicherry. Wie viele Plagen und Krankheitswellen hatte diese Stadt schon? Jeder weiß über dieses Problem mit den betonierten Seitengräben Bescheid. Dennoch lässt die Regierung sie weiterhin bauen. Zweitens Wasserversorgung: Mittlerweile hat fast jedes Dorf (denke ich) eine Pumpe, die Wasser aus tieferen Schichten hochpumpen kann in eine Art Wasserturm bzw. Tank. Dennoch klagen viele, dass sie nicht ausreichend (sauberes Trink-)Wasser zur Verfügung haben. Sie wollen einen neuen Tank. Aber der Tank ist hoch genug, um ausreichend Druck aufbauen zu können und auch sollte sein Volumen für die Dorfwohneranzahl reichen. Und auch wenn die Stromversorung nur 6h am Tag dauert, so sollte diese Zeit auch eigentlich zum Füllen des Tanks reichen. Das Problem könnte bei der Leistung der Pumpe, der Abdichtungen der Wasserleitungen oder an der Tiefe des Bohrlochs liegen. Oder daran, dass jmd schon immer zu früh die Pumpe ausschaltet. Hier muss eindeutig eine Analyse durchgeführt werden, bevor einfach irgendetwas gebaut wird. Drittens Toiletten: Open defecation (sprich, dass alle einfach auf die Felder gehen zum Entleeren ihres Darms, statt eine Toilette zu benutzen) stellt ein großes Problem da in Indien. Nun hat die Regierung erklärt, dass sie Indien zu einem open-defecation-free Land machen möchte und gibt jedem Haushalt, der eine Toilette baut (und bisher auch noch nicht hatte) 12.000 Rupien. Nun haben sich einige Haushalte in den Dörfern tatsächlich staatlich finanzierte Toiletten bauen lassen, jedoch für weniger als 12.000 Rupien. Yeah, vom Staat geschenktes Geld! Doch wie lange wird diese Toilette dann auch benutzt? So lange bis der septic tank (Klärtank/ septische Grube) voll ist, also höchstens einen Monat. Nun müsste dieser Sammeltank entleert werden, doch so gut wie keiner möchte mit diesen Fäkalien in Kontakt kommen: Das ist nicht die Tätigkeit meiner Kaste! Stattdessen wird die Toilette dann als Stauraum benutzt (falls sie überhaupt je als Toilette benutzt wurde) oder gar wieder auseinander gebaut, da man die Baumaterialien ja auch woanders verwenden könnte. Gekackt wird dann einfach wieder aufs offene Feld und der Krankheitsübertragung freien Lauf gelassen. Die Dorfbewohner scheinen nicht dasselbe Ziel zu haben wie die Regierung. Nun könnte man natürlich Trockentoiletten bauen, aber auch hier stellt sich die Frage, wie viele Bewohner würden die überhaupt verwenden? Einige Bewohner fanden die Idee zumindest nicht abwegig und falls sie wirklich Interesse daran entwickeln sollten, würde EcoPro natürlich zur Seite stehen.

    Diese zwei Tage waren sehr wissens- und bewusstseinsfördernd. Ich habe eine Menge gelernt und bin erneut sehr dankbar, hier gelandet zu sein. Nebenbei möchte ich einmal auf die Seite Berichte hinweisen, auf der wir (hoffentlich bald alle), unsere Quartalsberichte für das BMZ hochladen. Der erste Quartalsbericht handelt von unseren Arbeitsstellen.


  5. Kleinigkeiten

    November 6, 2017 by Mira

    Es regnet und regnet und regnet. Alles geht langsamer, falls es überhaupt noch geht. Die Feuchtigkeit, nein, Nässe von allen Seiten, setzt den Motorrädern zu, die noch häufigeren Stromausfälle machen das elektronische Bezahlen an der Kasse mit der Aurocard oft unmöglich und es kostet einen sehr viel Überwindung, sich mehr als nötig durch diesen Regen zu kämpfen, um z.B. ins Fitnessstudio oder zum Salsaunterricht zu kommen. Der Schimmel hat längst schon auf mehr als nur unsere Kleidung übergesetzt. Nun möchte ich aber in diesem Beitrag einmal über die Kleinigkeiten der vergangenen zwei Monate berichten, die einem schon zum Alltag geworden sind:

    -Kardamon befindet sich hier in sehr vielen Lebensmitteln, egal ob in Chutneys, Süßigkeiten, Kichererbsenaufläufen, Erdnussbutter oder sogar im Brot

    -Dass Auroville keine Stadt und erst recht keine Großstadt wie Berlin ist, merkt man immer wieder auch daran, dass, wenn man mit dem Motorrad von einem Ende zum anderen (in 10 Minuten) fährt, man mit einer sehr hohen Wahrscheinlichkeit jemanden trifft, den man kennt. Und mein Bekanntenradius wird von Woche zu Woche immer größer, sodass diese Wahrscheinlichkeit weiter steigt.

    -Wenn ich die Wahl zwischen Hock- und Sitztoilette habe, bevorzuge ich mittlerweile schon die Hocktoilette, denn sie ist nicht nur physiologisch betrachtet für den Körper besser, sondern irgendwie auch hygienischer.

    -In öffentlichen Bussen hier nimmt man auch mal die Einkäufe oder gar Kleinkinder anderer Leute auf den Schoß, wenn der Bus sehr voll ist und nicht alle sitzen können. Auch wird das Geld für die Fahrkarte durch den Bus zum Schaffner durchgereicht, wenn es sehr voll ist und das Ticket sowie evtl. Rückgeld wird auch problemlos zurück durch den Bus gereicht.

    -Die Ratten in meiner Kapsel knabbern mir meine Unterhosen weg, egal wie ich schon versucht habe, sie zu lagern. Selbst an meinen Stoffhosen und Fingernägeln haben sie sich versucht. Da ich nun bereits die Hälfte meiner Unterhosen verloren habe und man hier keine guten bekommt, habe ich Rattenfallen aufgestellt. Schon vier Ratten und ein Streifenhörnchen mussten dran glauben und eine Ratte hat es irgendwie geschafft, sich dabei den Schädel spalten zu lassen und ihr Hirn in meiner Hütte zu verteilen.

    -Kokosnüsse sind überall einsetzbar, ob frisch vom Baum oder geraspelt in einer Gemüsepfanne, ob zum Kratzen oder zum Feuer anzünden. Und dann gibt es sie hier auch noch in Hülle und Fülle zu niedrigen Preisen. Prinzipiell kann man die Kokosnuss in drei Altersphasen einteilen: Die ganz frischen vom Baum haben noch einen Saft, der prickelnd frisch ist, und wabbeliges Fruchtfleisch. Etwas ältere besitzen einen Saft, der nicht mehr ganz so lecker ist, dafür ist das Fruchtfleisch knackig fest. Die ganz alten Kokosnüsse, die vor dem Knacken schon klappern, besitzen gar keinen Saft mehr und das Fruchtfleisch ist zäh und gummiartig und hat noch einmal einen ganz anderen Geschmack als in jüngeren Phasen.

    -Indische Krankenhäuser sind so stark gekühlt, dass man sich eigentlich gleich eine Erkältung zuzieht und somit eher krank als gesund wird. Aber keine Sorge, ich war nicht krank und hatte auch keinen Unfall, ich habe mir nur einen Vortrag über ecological sanitation von Lucas, meinem Chef, angehört.

    -Die Sonne hier hat gefühlt eine enorme Strahlkraft. Selbst morgens um 7 Uhr treibt sie einem schon den Schweiß auf die Stirn.

    -Wenn man mich nach meinem Namen fragt und ich Mira sage, dann fragt man gleich oft hinterher, wie meine Eltern denn dazu gekommen sind, mich Mira zu nennen. Ertsens besitze ich nämlich den gleichen Vornamen wie „die Mutter“, die Gründerin Aurovilles, und zweitens ist Mira auch ein typisch indischer Name. Meine Antwort darauf ist stets dieselbe: Mira ist ein indogermanischer Name, der von Skandinavien bis nach Indien verbreitet ist und das erste mal schon vor 3500 Jahren schriftlich erwähnt wurde als Stadtname bei den Hethitern.

    -Ich vermisse das Klavierspielen sehr. In Auroville stehen ein paar wenige Klavier oder gar Flügel herum, doch wirklich auf ihnen spielen kann(darf) ich nicht. Nun hatte ich mir überlegt, mir ein Keyboard zu kaufen, doch während des Monsuns scheint es keine sinnvolle Idee zu sein, da die hohe Luftfeuchte (die während des Monsuns einfach noch höher als sonst ist) der Elektronik ziemlich schnell zusetzen könnte. Und sich Klavierunterricht in Pondi zu nehmen funktioniert irgendwie auch nicht. Also habe ich mir aus Verzweiflung eine Klaviatur auf Papier gemalt. Ob ich nun Fehler mache, kann ich leider nicht hören, doch ich hoffe, so zumindest meine Fingerfertigkeit beizubehalten (bzw. wieder aufzubauen).

    -Brot backen in einem Holzofen macht viel Spaß, auch wenn man zuerst dafür einiges an Holz hacken muss (was auf Dauer anstrengend ist) und man bei Regen und Feuchtigkeit mehrere Versuche zum Anfachen des Feuers benötigt. Auch wird man dabei ziemlich eingeräuchert und die Hitze des Feuers treibt einen den Schweiß aus den Poren. Doch am Ende darf man seine ersten eigenen, warmen Brötchen probieren, das macht die Mühe wett.

    -Es ist herrlich, jeden Tag barfuß laufen zu können, die Erde auf Discipline jeden Tag mit seinen nackten Füßen in all seinen Zuständen, mal matschig, mal trocken, mal glatt, mal picksig, zu spüren. Auch gefällt es mir, dass man in allen Cafes und Häusern, ob Town Hall, Supermarkt oder Büro, die Schuhe auszieht. Meine Füße sind irgendwie dauerdreckig, egal wie oft ich sie wasche. Oder ich gebe mir einfach nicht genug Mühe. Die anderen meinen, ich hätte ein besonderes Talent dafür, stets dreckige Füße zu haben. Ich glaube, so richtig sauber werden sie wohl erst wieder in Deutschland sein. Lediglich nach nächtlichen Poolpartys kommen sie nahezu an den Zustand vollständiger Sauberkeit heran.