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‘Auf Achse!’ Category

  1. Gingee, oh Gingee

    Oktober 20, 2018 by Lara Schnellbach

    Gingee ist der Name einer Stadt, die sich auf halbem Weg von Pondicherry nach Tiruvannamalai befindet und hauptsächlich aus einer riesigen alten Festungsanlage besteht. Die Ruinen des Gingee Fort ragen hier aus der tamilischen Ebene. Das Fort besteht aus drei separaten Zitadellen, jeweils auf einem eigenen Hügel erbaut. Das Gelände ist insgesamt um die 7km² groß und ein einziges Märchenland. Das satte Grün, die alten Tempelanlagen und die steilen Felswände erinnern an eine Filmkulisse für das Dschungelbuch.

    Errichtet wurde die Anlage hauptsächlich im 16. Jahrhundert von den Vijayanagar-Königen, danach wurde sie von den Marathen, den Moguln, den Franzosen un den Briten besetzt. Zuletzt wurde sie im 19. Jahrhundert ihrem Schicksal überlassen. Pflanzen und Affen erschlossen sich das Gebiet und schufen eine friedliche und märchenhafte Idylle.

    Wir suchten uns als Ziel die am schwierigsten zu erreichende Zitadelle aus: Rajagiri. 150m Aufstieg, größtenteils Treppenstufen. Einmal rum und hoch hinaus. Bei strahlend blauem Himmel und in der prallen Sonne. Puh, war das anstrengend.

    Aber lasst mich ganz von vorne anfangen: los ging’s morgens um sieben bei uns vor der Haustür. Anna-Lena, Paula und ich packten gerade etwas zu essen ein, als Franka mit dem Fahrrad bei uns eintraf. Sie würde uns begleiten. Leider hatten wir gerade knapp einen Bus nach Pondi verpasst und mussten dann an der Straße stehend auf den nächsten warten. Das dauerte erst einmal ein Weilchen. Nach über einer halben Stunde kam dann endlich einer.

    Am Busbahnhof Pondicherry angekommen suchten wir uns einen kleinen Frühstückssnack: Vadais und Samosas. Danach fragten wir uns durch und wurden in irgendeinen Bus geschickt, der anscheinend nach Tiruvannamalai und über Gingee fahren würde. Wir setzten uns und bald ging die Holperfahrt auch schon los. Laute indische Musik beschallte uns und wir begaben uns auf den Highway in Richtung Gingee. Auf dem Weg kamen wir an dem Führerschein-Dings vorbei und dann durch Tindivanam. Hier gab es ganz viele schöne Marktstände an den Straßenrändern und sobald der Bus nur ganz kurz stoppte, sprang sogleich ein Snackverkäufer auf und bot den Fahrgästen Samosas oder andere Kleinigkeiten an. Er würde an der nächsten Kreuzung wieder abspringen und den nächsten Bus aufsuchen.

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    Dann kamen wir endlich (nach fast 2 Stunden Busfahrt) in Gingee an und waren erst mal komplett orientierungslos. Wir schnappten uns dann einfach einen Tuk-Tuk-Fahrer und sagten ihm, dass wir zum Fort wollten. Dank der Sprachbarriere gab es ein Missverständnis im Preis, den wir verhandelt hatten und er wollte am Ende doch mehr. Aber 100 Rupien, also 25 Rupien pro Person, sind immer noch im Rahmen, oder?

    Zum Glück hatten wir mittlerweile alle ein Residential Permit (eine einjährige Aufenthaltsgenehmigung vom indischen Staat) erhalten, denn damit bekamen wir denselben Rabatt wie Einheimische und zahlten nur 25 Rupien Eintritt statt 300 (das wären umgerechnet mehr als 3,50€).

    Fahrtkosten:

    Kottakarai – Pondicherry Busbahnhof (öffentl. Bus) ‎13₹
    Pondicherry Busbahnhof – Gingee Stadt (öffentl. Bus) 50₹
    Gingee Stadt – Rajagiri (Tuk-Tuk) 100₹
    Rajagiri – Roadside Bus Stop Gingee (Tuk-Tuk) 60₹
    Roadside Bus Stop Gingee – Pondicherry (öffentl. Bus) 57₹
    Pondicherry – Kottakarai (Tuk-Tuk) 350₹

    Eintritt (Ganz wichtig: Residential Permit mitnehmen!! Als PDF auf dem Handy ist ausreichend.)

    • für Inder: 25₹
    • für Ausländer: ‎300₹
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    Außerhalb der Festungsmauern

    Endlich angekommen wurden unsere Taschen von einem Wächter durchsucht, der seine Waffe offen um die Schulter hängen hatte. Ganz schön einschüchternd.
    Als wir um mehrere Ecken der dicken Mauern gebogen waren eröffnete sich uns ein traumhafter Blick auf grüne Wiesen, weiße Tempelanlagen und die Rajagiri-Zitadelle weit oben auf dem Hügel, der aus der Ebene ragte. Wir standen inmitten des alten Palastviertels zu Füßen des Rajagiri. An jeder Ecke gab es eine neue Ruine zu entdecken oder einen riesigen schattenspendenden Baum, der vermutlich schon sehr sehr lange hier stand und viel miterlebt hatte.
    In der parkähnlichen Anlage wurde sogar gerade der Rasen gemäht. Alles schien sehr gepflegt und gut in Stand gehalten, wenn auch zu einem bestimmten Grad der Natur überlassen. Dies kreiert eine verwunschene und geheimnisvolle Stimmung.

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    Die siebenstöckige Kalyana Mahal (Hochzeitshalle)

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    Nachdem wir kurz gestaunt hatten, machten wir uns an den Aufstieg. Viele Treppenstufen lagen vor uns. Schon bald entdeckten wir die ersten Affen, die hier heimisch sind und wir genossen die fabelhafte Aussicht auf das riesige Fort. Als wir die erste Kuppe überwunden hatten eröffnete sich uns auch eine wunderbare Aussicht auf die dahinterliegenden (kleinen) Berge und grüne Reisfelder in der Ebene.

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    Auf geht’s!

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    Gingee, oh Gingee…

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    …du bist so wunderbar.

    Oben angekommen staunten wir, wie viele Höhenmeter wir hinter uns gebracht hatten. Bis zu diesem Zeitpunkt ein echt gelungener Ausflug.

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    Halt mich an dir fest..

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    Hoch hinaus

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    Aber für diese Aussicht lohnt es sich!

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    ich – Anna-Lena – Franka – Paula

    Und dann kam da meine naive und dumme Idee ins Spiel, doch mein Essen auszupacken. Ich selbst hatte die anderen mehrmals vor den Affen und ihrer Aggressivität gewarnt und wollte es aber einfach nicht wahr haben, dass man hier seine Aussicht nicht mit einem kleinen Snack genießen können sollte. Gedacht, getan. Und wenige Sekunden später bereute ich meine Tat. Ich war so schlau mich nach allen Seiten umzuschauen, bevor ich mein Essen in die Hand nahm. Aber nach oben hatte ich nicht geschaut. Ein Affe sprang vom Dach, griff mich an und ich sprang erschrocken auf. Da er mein Essen nicht zu fassen bekommen hatte, schnappte er sich meinen Rucksack und griff sich das erste, das er fassen konnte. Mein kleines Täschchen, in dem ich mein Handy aufbewahrte. Doch halt, das hatte ich doch wo anders eingepackt heute? Richtig. Was ein Glück! Denn das Täschchen sah ich nie wieder. Weg waren meine Hausschlüssel, der Schlüssel zur Farm, mit ihnen mein neuer Schlüsselanhänger, mein schweizer Taschenmesser, das mich seit Jahren begleitete, meine einzigen Kopfhörer und meine homöopathischen Kopfschmerz-Tropfen. Ach ja und das Täschchen an sich natürlich. Es ist nicht so, dass ich versucht hätte es irgendwie zurück zu bekommen. Doch der Affe klimperte fröhlich mit dem Täschchen und stürzte sich damit den Felsabhang hinunter. Ich konnte ihn nicht mehr wiederfinden. Hörte nur noch meine klimpernden Schlüssel.

    Heute – ich verfasse den Artikel vier Wochen nach dem Ausflug (16. Nov.) – habe ich alles bis auf das homöopathische Mittel und das Messer ersetzen können. Ärgerlich bleibt diese Geschichte dennoch. Wie schön preisgünstig und unbeschwert wäre dieser Tag doch ohne meinen Leichtsinn gewesen? Meine Stimmung war natürlich erst mal am Boden.

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    Auf der Suche nach meiner Fassung. Oder vielleicht tut es auch ein Zeitumkehrer?!

    Nach einem schlecht gelaunten Abstieg hatte ich mich aber wieder gefangen und erkundete mit Paula sämtliche Ruinen und Steinbrocken, die im Fort verstreut waren.

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    Tor zum Paradies?

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    Versunken im grünen Meer

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    Auf Entdeckungstour

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    Erledigt machten wir uns danach auf den Heimweg, obwohl wir eigentlich geplant hatten den Krishnagiri auch noch zu besteigen. Das musste dann wohl beim nächsten mal geschehen.
    Halb schlafend, halb wachend ließen wir uns zurück nach Pondi kutschieren. Anna-Lena und Franka machten sich sofort auf den Heimweg. Paula war so nett und kam noch mit mir in die Stadt, um den Hausschlüssel direkt nachmachen zu lassen. Das ging erstaunlich schnell. Innerhalb von einer guten Viertelstunde hielt ich meinen neuen Schlüssel in der Hand. Ich war der Empfehlung unseres Vermieters gefolgt und zu einem Straßenstand gegangen, der jegliche Schlüssel in kurzer Zeit nachmachen konnte. Danach genossen Paula und ich noch einen leckeren Chai mit ein paar Polizisten, die sich begeistert mit uns unterhielten.

    Neuer Schlüssel

    Wir hatten gehofft einen öffentlichen Bus zurück nach Kottakarai zu finden. Unauffindbar. So nahmen wir am Ende ein Tuk-Tuk, das teurer war als unser ganzer Ausflug. Nach einer halben Ewigkeit kamen wir total erledigt zu Hause an und fielen todmüde ins Bett.


  2. Schnipp, Schnapp

    Oktober 8, 2018 by Paula Mayer

    Mittwochmittag in der Solar Kitchen:

    Svea fragt in die Runde ob neben ihr und Leon noch jemand Lust hat sich in nächster Zeit seine Haare abzurasieren. Ich denke das erste Mal wirklich über diese Option nach und stelle fest dass ich prinzipiell mir dies sogar vorstellen kann. So ganz überzeugt bin ich allerdings noch nicht, Leon scheint es aber nicht anders zu gehen.

    Samstagabend im Youth Center:

    Svea: „Mein Shampoo ist alle. Paula hast du morgen Zeit mit nach Mailam zu fahren?“ Ich: „Öh. Ähm. Äh. Ja, also ich habe morgen noch nichts vor.“

    Sonntagmorgen um acht:

    Vier Gestalten sitzen auf einer Bank und warten auf das Taxi was sie zum eine Stunde entfernten Tempel in Mailam bringen soll. Carina freut sich voll. Sie möchte sich ihre Haare nicht abrasieren lassen. Leon, Svea und ich sind von unserer eigenen Spontanität immer noch etwas überrumpelt. Den Spontanitätspreis  bekommt jedoch Lara, die sich, als sie uns da morgens sitzen sieht, einfach entscheidet mitzukommen. Dann um 9:30 Uhr geht es endlich los. Zu sechst im Taxi ist es ein bisschen eng, aber Lara wechselt die Schöße regelmäßig auf denen sie sitzt. So gegen alle deutschen Sicherheitsstandards verstoßend, steigt die Anspannung und Vorfreude.

     

    Mit unserem Taxifahrer haben wir uns schon während unserer Fahrt angefreundet und so führt er uns netterweise zum Haarschneide Platz, der etwas unterhalb des Tempels liegt. 10 Rupies für eine neue Klinge und dann geht es los. Irgendwie bin ich die Erste und dann beuge ich meinen Kopf vor, mir werden zwei Zöpfe gebunden, etwas Wasser über den Kopf gegossen und langsam trennt sich Strähne um Strähne vom meiner Kopfhaut.

    Am Anfang brennt es ein bisschen aber es ist auch angenehm kühler. Für die nächsten Stunden bleibt das Gefühl von Phantomhaaren bestehen das sich erst auflöst wenn die Hand immer wieder zum Kopf wandert. Danach geht es zum Waschen zu einem großen Teich/Becken und wir reiben unsere frischen Glatzen mit gelber Farbe ein.

    Bei der ganzen Prozedur werden wir interessiert beobachtet und danach fröhlich angelächelt. Wir sind die einzigen Europäer die da sind. Die Haare die hier abgeschnitten werden dienen als Opfer an die Götter. Meistens ist das Opfer mit einem Wunsch verbunden, etwa dem nach Nachwuchs. Die geopferten Haare werden gesammelt und landen irgendwann in Europa oder in anderen Teilen der Welt als Perücken oder Haarverlängerungen.

    Nachdem ersten Schock und gegenseitigen betatschen der jetzt so kahlen Köpfe, fahren wir noch zum Tempel hoch. Auch hier ist unser Taxifahrer sehr hilfreich, denn alle Tempelschilder sind in tamil verfasst. Als wir nach einer Stunde wieder draußen sind bleibt ein chaotischer, überfüllter und teurer Eindruck zurück. Spannend aber sehr anstrengend.

    Als uns der Monsun und die Nachricht über die ersten Läuse diese Woche erreicht, nehmen wir das als gutes Ohmen uns von unserem Haar gelöst zu haben. Mitlerweile fühlt es sich auch schon wieder flauschig auf meinem Kopf an.


  3. Wizard zu zweit

    Juni 25, 2018 by Nina

    Ziel: Kerala, Transportmittel: Bus, Personen: 2, Wettervorhersage: Monsun, Datum: 15-24.06.2018

    Wasserfall im unbekannten Hinterland

    Es gab im Vorhinein eine Erkenntniskette, an dessen glorreichen Ende die Vermutung stand, dass dieser Urlaub in ganz viel Regenwasser ertrinken würde. Am Anfang der erwähnten Kette, stellten Daniel und ich zufällig während der Planung fest, dass im Juni der Sommermonsun in Kerala in Form von Dauerregen sein Unwesen treibt. Kurz darauf stand ich vor meinen verbliebenen Besitztümern und fragte mich, warum genau ich meinen Eltern Regenjacke und -hose mit nach Deutschland gegeben hatte. Ein weiterer Grund, meine Intelligenz in Zweifel zu ziehen, war das ungeklärte Verschwinden meiner Socken, die vielleicht für das Tragen meiner geschlossenen Schuhe hilfreich gewesen wären.

    Unter diesen fröhlichen Vorzeichen begannen wir die Reise mit dem komfortablen AC-Sleeper-Bus nach Kochi. Während die Welt vor unserem großen Fenster vorbei zog, schliefen wir den unruhigen Schlaf der Nachtreisenden. Das schlaftrunkene Aussteigen nach dem wiederholten Hinweis „Last Stop“ und eine Tucktuck-Fahrt brachten uns am nächsten Tag mitten hinein in das sonnige Kochi. Die bürgerliche und westlich orientierte Touristenstadt empfing uns mit so viel fröhlichem Sonnenschein, dass die Regenschirme der Inder zu Sonnenschirmen wurden und das routinierte Abschreiten der Sehenswürdigkeiten (Palace, chinesische Fischernetze, Fort…) zu einer Rotfärbung einiger Hautpartien führte (Natürlich hatte ich beschlossen, die Sonnencreme nicht in den Monsun mitzuschleppen.) Am zweiten Tag brachen wir nach dem erfolgreichen Erwerb einer  Sonnencreme und einigen Umwegen der indischen Art mit dem Leihmotorrad auf, um einen Wasserfall zu besichtigen, den niemand zu kennen schien, den wir aber dennoch mit einigen indischen Touristen teilten.

    bergiger Zimmerblick

    Die Reise nach Munnar, welche übrigens eine sehr hässliche Stadt ist, gestaltete sich durch einen Busse-blockierenden Streik ungeklärten Grundes als schwieriger als gedacht. In der wunderschönen Landschaft der bewaldeten und bewohnten Berge, die manchmal Teeplantagen Hüte und Gewänder tragen, fror ich mir als verweichlichtes Geschöpf des tamilischen Flachlandes den Arsch ab. Gott sei Dank, stellte das Homestay bunte Hello-Kitty-Decken aus einem Vorrat unbekannter Größe bereit, unter die wir uns des Nachts flüchten konnten. Da wir nicht bereit waren für eine Jeep Safari nur „2000 rupees for 3 hours“ auszugeben, stapften wir ein wenig nach guter deutscher Rentnermanier über einen Umweg in das 20 min entfernte Dorfzentrum, gestatten uns Kaffee und Kuchen und gingen den Spaziergang in den entmutigenden Monsunschauern zurück zum Zimmer.

    Backwaters in Regenpause

    Unsere höchstdurchdachte Reiseroute führte uns als nächstes mit dem Bus (über Kochi) nach Allepey, das für die Backwaters bekannt ist, die laut dem Lonely Planet die zweit schönste Sehenswürdigkeit Indiens sind. Die Stadt, in der wir trockenen Fußes nach Essen gesucht hatten, beschloss uns eine nächtliche regendurchnässte Abenteuerreise mit Tucktuck und zu Fuß zum freundlichen aber mit reichlich Monsun-mief gestraften Homestay zu gewähren. Der Monsun, der uns nun doch vollständig eingeholt hatte, verführte uns zu einer gemütlichen Rundfahrt auf einem mit Dach und gemütlichen Sitzgelegenheiten ausgerüsteten Boot, das über die als privates Badezimmer und Spülmaschine genutzten Backwaters trieb.

    Staussee im Tigerreservat

    Die letzte Station unseres einwöchigen Regenspaziergangs durch Kerala bildete Kumily mit dem Periar Nationalpark und Tigerreservat in der Nachbarschaft. Da wir durch die Backwaters auf den Geschmack von Wasser von unten statt von oben gekommen waren, schipperten wir zunächst auf einem Dampferchen voller Touris über den See im Nationalpark. Während dieser 1,5 stündigen Fahrt, konnte die Gattung Mensch an Bord in viel eindrucksvollerer Art als die vereinzelten als braune Punkte auszumachenden Wildtiere am Ufer beobachtet werden. Um doch noch die Natur erleben zu können, entschlossen wir bei überraschend trockenem Wetter (Ja, du hast es voraus gesagt, Daniel!) mit einem Guide auf zu brechen, den Dschungel zu erwandern, gegen eine Armee aus hungrigen Blutegeln zu kämpfen. Diese als kleine Alien getarnten Vampire versuchten, während wir unschuldig in der Schönheit des wilden Waldes herumstolperten, an unseren Beinen empor zu klettern, um an unsere ungeschützte verletzliche Haut zu gelangen.

    Nach einer weiteren Nachtfahrt zurück im warmen Auroville stopfte ich die feuchten, dreckigen und stinkenden Klamotten in die Waschmaschine und dachte, dass es schlechtere Ideen gibt, als im Monsun durch Kerala zu wandeln.


  4. Ich bin kein Speedjunkie (aber Motorrad fahren liebe ich trotzdem)

    Juni 17, 2018 by Jola

    Die Zeit geht mal wieder schneller vorbei als mir lieb ist und ich muss wohl oder übel anfangen mich darum zu kümmern mein geliebtes Motorrad zu verkaufen.

    Als ich vor 10 Monaten angefangen habe Motorrad fahren zu lernen, da hatte mein Motorrad mir zu viel Kraft, und es wirkte unberechenbar. Vorallem habe ich oft nicht hinbekommen es zu starten. Das alles ist mittlerweile unvorstellbar geworden. Motorrad fahren ist für mich so einfach, alltäglich und komplett selbstverständlich geworden wie Zuhause Fahrrad fahren für mich war. und jetzt erst, da ich darüber nachdenke fällt mir auf wie sehr ich vergessen habe, dass ich das mal nicht konnte, dass es mal neu und besonders für mich war.

    Motorrad fahren war aufregend und für mich mit Überwindung verbunden. Das ist es jetzt nur noch wenn ich in meiner Hasssituation stecke und irgendwo alleine auf dem Motorrad von einer kleinen Straße auf eine Hauptstraße nach rechts abbiegen will. Mit den indischen Verkehrsregeln (der Größere und Selbstbewusstere hat Vorfahrt) und Linksverkehr ist das der totale Horror. Neulich bin ich, nachdem wir zwei Freunde zum Busbahnhof gefahren haben, im dunkeln auf dem Highway aus Pondy zurück gefahren. Meine Begleiter waren außersicht, ich bin kein Speedjunkie und blied desswegen ein bisschen zurück, und plötzlich viel mir diese Gefühl wieder auf das ich sehr gut noch aus Berlin kenne. Das Gefühl wenn ich in Berlin mit dem Fahrrad, abends mit Freunden unterwegs war, auf großen, breiten Straßen, mit Straßenlaternen an beiden Seiten, und ich, immer ein bisschen langsamer (ich bin kein Speedjunkie), hinter den anderen her gefahren bin. Es ist dieses Gefühl von Zuhause, Abenteuer und Freiheit in einem. Motorrad fahren ist hier das geworden was für mich Fahrrad fahren in Deutschland war. Es ist genauso unverzichtbar, selbsverständlich und flexibel. Nur jedes gehört für mich an seinen Ort. Motorrad fahren gehört nach Auroville, und Fahrrad fahren nach Berlin.

    Trotzdem habe ich mein Fahrrad hier sehr vermisst, und werde ich mein Bike (Motorrad) in Deutschland total vermissen. Meine kleine, giftgrüne Hero Honda Passion Pro.

    Familie 2017

    Ausparken

    Familie 2017

    Motorrad fahren

    Ich habe auf ihr Motorrad fahren gelernt, tägliche kleine stecken, erst nur in Auroville und nach kurzer Zeit auch in Pondy oder zum Stand zurück gelegt und eine Motorradtour nach Tirupathi gemacht. Aber mir wurde zwar mein einer Rückspielgel geklaut, aber ich habe noch keinen Unfall gebaut ( klopf auf Holz).

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    Der schöne aber lange Weg Nach Tirupathi mit Johanna

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    lange Fahrt (mit noch langen Haaren)

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    kurz vor unserem Tempelerlebniss mit Kahlrasur, machen Johanna und ich (schon im Saari) eine letzte Pause

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    Und wieder zurück, mit Tuch, aber ohne Haaren

     

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  5. 9 Nächte

    Februar 7, 2018 by Nina

    (6 im Zug, 2 in Städten, 1 in der Wüste)

    Wen würde ich, wenn ich mich entscheiden müsste lieber heiraten: einen Inder oder einen Deutschen? Diese Frage hatte ich mir, ehrlich gesagt, noch nie so gestellt. Und doch tauchte sie am zweiten Tag der Reise auf, die Mira und ich nach Rajasthan unternahmen. Gestellt wurde diese Frage von einem tamilischen College Studenten, dessen Namen ich mir leider nicht merken konnte und den wir zusammen mit 6 seiner Kommilitonen auf unserer 38-stündigen Hinfahrt im Zug kennenlernten. Zugegebenermaßen war mir zunächst etwas mulmig zumute, als mir klar wurde, dass ich auf der ersten nächtlichen Zugfahrt meines Lebens das Abteil mit 7 fremden jungen Indern teilen würde. Jegliche Vorbehalte schwanden aber, da wir nach allen Regeln der Kunst mit ihren mitgebrachten Speisen gemästet wurden, sie verkündeten uns Tamil beibringen zu wollen, ein paar Augen über die Bettkante lugten, um mir zu versichern, dass bei „any problems at night“ ich nur zu rufen brauchte, und am Ende nicht nur die unvermeidliche Selfie-Time, sondern auch kunstvoller deutscher und tamilischer Gesang stand.

    Diese für indische Verhältnisse nicht wirklich ungewöhnliche Begegnung sollte während der zehntägigen Reise keine Ausnahme bleiben. Denn nachdem wir im deutschen Stechschritt in zwei Tagen (fast) alle Touristenattraktionen in Jaipur abgeklappert hatten, stand die nächste Nacht im Zug auf dem Weg nach Jaisalmer an. Von der „Pink City“, wie Jaipur auch genannt wird, waren wir ziemlich erschöpft, weil jegliches Schlendern über die Straßen zwischen den Tourismus-Hotspots von allzu aufdringlichen Tuktuk-Fahrern, Geschäftseigentümern und der hohen Luftverschmutzung verleidet wurde.

    Als wir daher müde auf unserer Sitzbank im Zug hingen, stellten wir überrascht fest, dass im Nachbarabteil des Sleeper-Class-Waggons sich noch ein weiteres weißes weibliches Wesen befand. Wie wir später feststellten war die mutige Reisende eine polnische Ärztin, die alleine und ohne großen Plan durch Indien reist, und auch auf dem Weg nach Jaisalmer war. Im Gegensatz zu uns traute sie sich während eines Halts unabsehbarer Länge aus dem Zug, um Essen am Bahnsteig zu kaufen. Unsere hungrigen Blicke waren scheinbar nicht so unauffällig wie wir dachten, denn sie teilte ihre Portion mit uns und ging dann, kurz bevor der Zug losfuhr, Nachschub besorgen. Aber auch für sie zahlte sich die Begegnung aus, denn als nach einer kurzen durchfrorenen Nacht der Zug tatsächlich mit einer halben Stunde Verspätung pünktlich um 5:20 am am Zielbahnhof ankam, hätte sie ohne uns als lebendige Wecker noch selig geschlafen. Als langsam die Sonne immer mehr und mehr von der architektonischen Schönheit und der müllüberzogenen Hässlichkeit Jaisalmers enthüllte, war unsere Laune kältebedingt leider nahe des Gefrierpunkts angelangt. Mit dem frühmorgendlichen Einchecken ins Hotel, einem leckeren Frühstück und dem darauffolgenden Besuch eines Desert-Festivals (Wusstet ihr, dass es Kamel-Polo gibt?) waren wir aber bald wieder guter Dinge.

    Für die nächste Nacht im Zug waren wir mit einer zusätzlichen Decke und mit deutlich entspannterer und positiverer Stimmung bewaffnet. Außerdem gingen wir an diesem Tag nicht alleine zum Bahnhof, da wir auf der Kamel-Safari in der Wüste hinter Jaisalmer (unter anderem) einen Nord-Ost-Inder kennen gelernt hatten, der auch unser Zuggefährte werden sollte. Der Kamelritt während der Safari war für mich wie Pony-Reiten in der Wüste. Sehr, sehr große Ponys. Und erstaunlich gut erzogene. Der vorbildlich organisierte Ausflug beinhaltete aber nicht nur den erwähnten Ritt auf einem Kamel sondern auch das Übernachten unter freiem Himmel in der Wüste. Neben einer besonders schönen Düne wurde unser Lager aufgeschlagen und es war ein fast perfekter Tag mit einem wunderschönen Sonnenuntergang, einer folgenden Mondfinsternis, während der sich unzählige Sterne neben dem Blutmond hervortrauten, und schließlich einem beeindruckenden Vollmond, der mit seiner Strahlkraft der Sonne versuchte Konkurrenz zu machen. Seien wir ehrlich: In der Wüste hat der Mond da keine Chance, aber es war ein guter Versuch.

    Nach einem Tag in Jaipur, den wir unmotiviert die meiste Zeit in unserem ehemaligen Hotel verbrachten, traten wir schon wieder die Rückreise Richtung Auroville an, um im Zug sofort vom indischen Klischee umzingelt zu werden: Eine Großfamilie mit einem unangefochtenen Hahn im Korb, einer fürsorglichen Mutter, zwei mitreisenden Tanten, einer rebellierenden Tochter und einem kleinen Sohn. Da auch diese Mitreisenden uns nicht verhungern ließen, steht fest,dass auch bei allen Unterschieden zwischen Rajasthan und Tamil Nadu (Sprache, Essen, Architektur, Menschen, Kühe) Indien mehr zusammen hält als nur „Faulheit und Chaos“.

    Nach diesem fulminanten Abschluss unserer Reise bleibt nur noch eine Frage: Wen würde ich lieber heiraten: einen Deutschen oder einen Inder? Muss ich darauf eine Antwort kennen?