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‘Lagebericht’ Category

  1. Pitchandikulam – Eine Einführung

    Oktober 6, 2019 by Alina

    Gestern im Bus wurde ich gefragt, wie eigentlich mein Alltag im Projekt aussieht, woraufhin ich keine wirkliche Antwort geben konnte, da ich bisher kaum so etwas wie eine Routine entwickelt hat. Daher gilt dieser Beitrag als Versuch das Projekt Pitchandikulam Forest zu erklären – zumindest die Facetten, die ich in meinem ersten Monat hier kennenlernen durfte.

    Um den Unit Pitchandikulam Forest zu verstehen, ist es wichtig zu wissen, dass im Zuge der Kolonialzeit fast alles an Urwald abgeholzt wurde. Vor über 50 Jahren war auf dem ganzen Land vom heutigen Auroville praktisch nichts an Flora und Fauna vorhanden – was schwer vorzustellen ist, da heute die Fülle an Bäumen, Sträuchern und Tieren immens ist. Einen bedeutenden Teil zur Wiederaufforstung trägt der Unit Pitchandikulam Forest bei, der sich zur Kernaufgabe gesetzt hat, die Fläche wieder mit einheimischen Bäumen zu bepflanzen und somit den sogenannten Tropical Dry Evergreen Forest wieder zu etablieren. Durch diese Maßnahmen gibt es dort heute über 800 verschiedene Gattungen von Pflanzen. Nicht nur in Auroville, sondern in vielen verschiedenen Regionen in Tamil Nadu, ist das Projekt involviert, um wiederaufzuforsten.

    Es gibt also doch Hoffnung für die Umwelt, wenn man hier sieht, wie viel in wenigen Jahren gepflanzt werde kann und wie eine einst karge Landschaft so viel grün zurückbekommen kann. Besonders genieße ich die Schmetterlingsvielfalt hier. Manchmal fühle ich mich dadurch wie in einem Märchen, wie Schneewitchen, das durch den Wald tanzt während alle Tiere um sie herumschwirren.

    Neu gepflanzte Bäume – mit Laub bedeckt um die Kleinen zu schützen
    Teil des Pitchandikulam Forest, im Hintergrund ein Windrad um Wasser zu pumpen
    Sicht vom Windrad über den Wald, im Hintergrund kommt dann das Meer 🙂
    Meine erste Einsatzstelle: Die Nursery
    Hier erwachen neue Heilpflanzen und Bäume zum Leben
    Im ethnomedizinischen Wald – ein kleiner Teil der Ausstellung der Pflanzengattungen

    Doch Wiederaufforstung ist nicht das Einzige, woran die Unit Pitchandikulam arbeitet. Weiterer zentraler Bestandteil vor Ort ist die Aufzucht von Heilpflanzen. So arbeitete ich in der ersten Woche zum Großteil in der Nursery (Baumschule), um die Sämlinge zu propagieren und lernte so ein paar Grundlagen indischer Heilpflanzenkunde. Die Arbeit mit den Heilpflanzen fällt auch unter den großen Bereich Community. So gibt es ein Team, das sich für Women Empowerment einsetzt und den Frauen zeigt, wie sie Heilpflanzen zu Medizin verarbeiten können. Diese Workshops finden hauptsächlich außerhalb Aurovilles in den Dörfern statt.

    Ein bedeutendes Zentrum der sogenannten „Outreach-Projekte“ liegt in Nadukuppam. Hier befindet sich ein ganzer Komplex von Umweltbildungsmaßnahmen. Neben Demonstrationskräuter und -gemüsegärten, die biologisch bewirtschaftet werden, wurde eine Schule eingerichtet, die den Fokus auf Umweltaktivitäten legt. In der Schule wurden beispielsweise sanitäre Anlagen installiert, die in einem Kreislaufsystem funktionieren: Mit Hilfe des Einsatzes von EM („effektive Mikroorganismen“) wird das Wasser so geklärt, dass es für das Bewässern der Felder benutzt werden kann. Sie ist die einzige Schule in Tamil Nadu, die ein solch integriertes Sanitärsystem besitzt.

    Wie anfangs erwähnt ist die Weitläufigkeit der Projekte immens, so habe ich beim letzten Meeting beispielsweise von der Kooperation mit Viva con agua – einer mir bekannten NGO aus Hamburg – mitbekommen, die an den Projekten interessiert sind, die sich um den Schutz des Wassereinzugsgebiet Kaluveli kümmern.

    Eine unserer Hauptaufgaben liegt nun darin das Museum im Forest selbst neu zu gestalten. Dazu basteln wir an Tierfiguren, um den Besucherinnen und Besucher die Bewohner des Waldes zu erklären und auf wichtige Merkmale wie die Unterscheidung von giftigen und ungiftigen Schlangen hinzuweisen. Außerdem werden bald neue Schulklassen zu Walderkundungen vorbeikommen, wo wir bei der Unterrichtsgestaltung mitwirken können.

    Der erste Versuch eine Schlange aus Ton zu formen, um sie in der „Waldszene“ auszustellen

    Alles in allem verstehe ich das Begreifen des Waldes und des Projektes als Prozess. So ist jeder Tag ein neues Erlebnis und ich habe großes Vertrauen darin, Tag für Tag mehr und mehr meinen Platz in dem ganzen Geflecht zu finden.


  2. Abmarsch für Garde 10 – eine todernste-historische Betrachtung

    Oktober 2, 2018 by Nina

    Auf den schallenden Aufruf zur Sammlung der jungen Soldaten vor den Toren Berlins reisten diese unverzüglich mit unterschiedlicher Verspätung an. Die gestählte 10. Garde der Munarchin, die in Auroville ein Jahr Intensivtraining mit Bravour und ohne größere Verluste absolviert hatte, begrüßte sich gegenseitig mit Freude aber auch mit der dunklen Gewissheit, dass bald die endgültige Zersplitterung der Gruppe bevorstand.

    Dieses Jahr, das mit einem Flug ins Ungewisse begann, lehrte die Freiwilligen, dass die großen Herausforderungen der Ferne der Heimat, des tropischen Fiebers und des Reaktionsgeschwindigkeitstests in Form des indischen Verkehrs mit vereinten Kräften überwunden werden können. Zusätzlich lernten die (mehr oder weniger) jungen Menschen Selbständigkeit, einige Geheimnisse der Kommunikation mit Händen, Füßen und der tamilischen Kultur. Zu Beginn des Dienstzeitraums unter Muna I. wählten die Rekruten Projektstellen für den Aufenthalt in Auroville, wo sie Spezialwissen in unterschiedlichsten Bereichen wie Landwirtschaft, Bildung, Technik und Propaganda erwerben konnten. Um das breit angelegte und genial organisierte Training zu tarnen, wurden einzelne unschuldig wirkende Aktionen wie Spielplatzbau und Theateraufführungen unterstützt. Selbst die sogenannte „Freizeit“ wurde mit Übung des Zubereitens lokaler Speisen, sportlicher Betätigung und dem Lesen philosophischer Schriften zu gehäuft. Dieses auf Überleben im aurovillianischen und indischen Dschungel ausgerichtete Training ließ 19 braun gebrannte, anpassungsfähige und widerstandsfähige Kämpfer nach Deutschland zurückkehren.

    Bei der Lagebesprechung, auch Rückkehrerseminar genannt, im romantischen Feldlagerchen mit Seeblick verfolgte die Munarchin das Ziel, die Einsatzbereitschaft der Truppe zu testen und die Zukunftsplanung jedes Einzelnen nochmal durch zu sprechen. Anlässlich von Feldgelagen und anderen Kaffeepausen wurde über das Vorenthalten von Abendessen als Disziplinarverfahren, präventive Gewalt im Angesicht von feindlichen Übergriffen, das „Warum?“ als Leitfrage in den Natur- und Geisteswissenschaften, Gott und die Welt – mal mehr mal weniger hitzig – diskutiert. Muna I. lenkte den Blick jedes Einzelnen geschickt in die Vergangenheit mit ihren vollkommen überkandidelten Erwartungen und bereichernden Erfahrungen. Dann wies sie auf die augenblickliche Lage und die Notwenigkeit zum Einsatz und schließlich auf die Zukunft als Kämpfer für den Frieden hin.

    Die Ausbildung ging nun zu Ende und Muna, die Weise, schickte ihre treue 10. Garde in die Welt in dem Vertrauen, dass sie auf eigenen be-chappel-ten Füßen stehend für die gute Sache kämpfen wird. Auf in die Schlacht!


  3. Stille Nacht

    April 19, 2018 by Nina

    (Leben in Discipline)

    Schlafen im Schatten des Geckos

    Was war mein größter Irrtum ante-weltwärts über das Leben in Indien? Hatte mein unschuldiges, unbescholtenes und hinterwäldlerisches Selbst nicht mit dem Müll, den Stromausfällen, der Armut, der Wärme, der Sonne, den Kühen, der indischen Mentalität oder dem scharfen Essen gerechnet? Nein, die Vorbereitungsseminare ließen keinen dieser Fakten unerwähnt. Jedoch hatte ich irgendwie die ziemlich abwegige Illusion, dass sich in den dunklen Stunden eine friedliche Stille über das ländliche Indien legen würde. Ähm, ich kann nur sagen: Nein.

    Kitchen-Aid

    Dieser Fakt fiel mir wieder ein, als ich eine übernächtigte Besucherin morgens in der Küche traf, die ihr Jetlag auf Grund von erhöhter Lärmbelastung der Naturklänge nicht ausschlafen konnte. Hoffentlich konnte die bezaubernde Gesellschaft (gerade leben Jasper, Jola und ich in den Kapseln in Discipline), die idyllische Lage (im wuchernden Grün der biologischen Farm), das bunte, erstaunende und schöne Drumherum und unser Zuhause unseren kritischen Gast ausreichend entschädigen.

    Als die Gottesanbeterin in meine heiligen Hallen pilgerte

    Vor allem die Küche ist als der WG-Verkehrsknotenpunkt eine Sehenswürdigkeit an sich. Als Inventar befinden sich ein gelber Küchentisch mit ausgeblichenem rot-orangen Muster inklusive Bank und Hocker, eine auf dem bodenliegende sofaähnliche Ansammlung von Polstern, als Lebensmittelaufbewahrungsorte Schrank, Regal und Kühlschrank (in absteigender Ameisensicherheit geordnet) und neben den üblichen Kücheneinrichtungen (Herd & Spüle) noch eine kleine Bibliothek. Für eine regelmäßige Körperwässerung steht das Bad eine Tür weiter zur Verfügung und bezaubert durch eine geräumige Dusche, die aber aktuell auf Grund von limitierten Dusch-Armaturen nicht in voller Gänze genossen werden kann. In diese beiden heimeligen und vor allem kühlen Höhlen gelangt man von der sogenannten „Terrasse“, die mit einem riesigen gelben Tisch mit aufgemalten Spielfeldern ausgestattet ist, dessen Nutzung selten ist und, wenn vorhanden, eher einer Liegefläche gleicht.

    Happy Family

    Für die oben genannten feinen Schönheiten ist der gemeine Tourist aber meist eher blind. Die besuchenden Familien und Freunde steuern meist zielgerichtet auf die Hauptattraktion zu: die Komposttoilette! *Hust*

    Mehr als störend werden dabei die im Weg stehenden Kapseln, aus Naturmaterialien gebaute Stelzenhäuser (Nein, keine Baumhäuser!), wahrgenommen. Diese drei unterschiedlich großen und luxuriösen Behausungen wurden dieses Jahr durchgängig von drei oder vier Weltwärtslern bewohnt. Seit mehr als vier Monaten genieße ich meinen Blick auf Indien von der obersten Treppenstufe der größten Kapsel. Bin Gast bei den vorbeihuschenden Tieren. Wische Sägemehl von meinen Besitztümern. Schlafe mit Grillenzirpen ein, um von Tempelmusik und Streifenhörnchen geweckt zu werden.


  4. 50 Jahre Auroville

    März 9, 2018 by Mira

    Die Temperaturen fangen so langsam wieder an merklich über 30°C zu steigen, der von den trockenen Sandpisten aufgewirbelte Staub lässt die Pflanzen rotbraun erscheinen und der Winter ist dem Sommer definitv am Weichen. Dennoch wird Auroville immer noch von Unmengen an Touristen überrannt, was einerseits natürlich zu einem unüberschaubaren Angebot an Aktivitäten führt, aber andererseits z.B. auch zu einer überfüllten Solar Kitchen. Habe ich gesagt „trockene Sandpisten“? In den letzten Wochen fanden in Auroville sehr viele Bauarbeiten und Straßenabsperrungen statt, um den Straßen eine Decke zu verpassen, was dazu führte, dass man nerviger Weise ständig einen neuen Weg finden musste, um von A nach B zu kommen. Das Geld hierfür bekam Auroville übrigens von der indischen Regierung. Warum? Weil der Hon’ble Prime Minister of India Shri Narendra Modi einen kurzen Besuch abstattete, um zum Anlass von Aurovilles 50. Geburtstag eine kurze Rede zu halten. Ein paar Tage bevor er hier eintraf, sah man auf einmal die ersten Polizisten in Auroville (wo man sonst nie welche sieht). Und am Tag seines Besuches waren es auf einmal Hunderte von Polizisten. Weite Teile Aurovilles waren gesperrt und selbst in den Randbereichen konnte man sich nicht ohne Einschränkungen fortbewegen. So weit die aktuelle Situation hier bei uns vor Ort.

    Der eigentliche Anlass, weshalb ich diesen Beitrag verfasse, ist, dass ich ein bisschen darüber berichten möchte, was in Auroville in den letzten 50 Jahren schon alles passiert ist und realisiert wurde. Und jetzt nach 6 Monaten Aufenthalt in Auroville hoffe ich, dass ich bereits einen ausreichenden Überblick über diesen Ort erlangt habe, um darüber wenigstens etwas schreiben zu können.

    Die Gründung

    Vor ziemlich genau 50 Jahren, nämlich am 28.2.1968 wurde Auroville gegründet. Die Ideen, auf denen Auroville basiert, wurden von Sri Aurobindo formuliert und von Mirra Alfassa, „der Mutter“, durch die Gründung Aurovilles versucht zu realisieren. Auroville soll ein Ort der „human unity – in diversity“ und des „unending education“ sein und „integraler Yoga“ ist ein geeigneter Weg dafür. Natürlich braucht so etwas mehrere Generationen und noch heute „experimentiert“ man in Auroville. Zu aller erst musste das Land wieder aufgeforstet und der Boden vor weiteren Degradationen geschützt werden. In den folgenden Bildern sieht man die beeindruckenden Erfolge:

    Auch heutzutage ist „sustainable living“ noch wichtig in Auroville (wobei die Wiederaufforstung eher wegen der Überlebensnotwendigkeit als aufgrund eines großen Umweltbewusstseins erfolgte), besonders bei der Ressource Wasser. Ebenso wird Abfallmanagement betrieben und alle Farmen, die zu Auroville gehören, sind organisch. Doch Auroville ist deshalb noch lange kein Ökodorf. So gehören Motorräder hier genauso zum Straßenbild wie überall sonst in Indien. Und auch wenn man in vielen Bereichen schon recht fortschrittlich ist, so gibt es immer noch Potential zur Verbesserung.

    Ein Aspekt, um die human unity zu realisieren, ist, dass kein Land und kein Gebäude einer einzelnen Privatperson gehört. Aurovillianer können für sich zwar Häuser von ihrem eigenen Geld bauen, doch die Eigentumsrechte hat Auroville. Aber noch besitzt Auroville nicht das komplette vorgsehene Land, denn einerseits liegen Dörfer in dem Gebiet und andererseits sind die Landpreise enorm gestiegen. Vor 50 Jahren wollte keiner ödes Land besitzen, heutzutage sehen die Landbesitzer ihre Chance mit dem begehrten Land Gewinn zu machen, worauf sich Auroville aber nicht einlassen will. Nebenbei bemerkt: Ein Ort, an dem auf einmal aus dem nichts eine Stadt entstehen soll, ist natürlich der perfekte Spielplatz für Architekten. Vorgaben gibt es kaum welche, was zu vielen beeindruckenden Gebäuden geführt hat. Oft designen die Aurovillianer ihre Häuser selbst mit.

    Wie sieht es denn mit Geld aus? Alle Aurovillianer müssen einen gewissen jährlichen Beitrag bezahlen, bekommen dafür dann aber auch die meisten Aktivitäten kostenlos bzw. günstiger angeboten. Auf Bargeld will man weitesgehend verzichten, stattdessen besitzen alle Aurovillianer einen Account und andere Leute, die länger hier leben so wie wir, eine sogenannte Aurocard (auf die wir immer wieder Geld raufladen müssen). Im Supermarkt PTDC z.B. bezahlt man sogar nur einmal im Monat einen bestimmten Beitrag und kann sich dann den gesamten Monat über nehmen, was man braucht, ohne ständig zahlen zu müssen. Der Gedanke dahinter ist, dass man sich wirklich nur nimmt, was man braucht und nicht ständig auf den Preis guckt. Jedoch erfährt man am Ende des Monats dann, ob man seinen gezahlten Beitrag überschritten hat und muss evtl noch nachzahlen. Wenn man weniger eingekauft hat, als es der Beitrag möglich macht, wird der Rest an Auroville gespendet. Doch völlig ohne Bargeld kommt Auroville nicht aus, es handelt sich nur mal nicht um einen von der Außenwelt isolierten Ort, sondern jeden Tag strömen Touristen nach Auroville und auch die umliegende tamilische Bevölkerung, die in Auroville arbeitet, muss ja irgendwie bezahlt werden.

    Nun muss ich aber noch erwähnen, dass nicht alle Aurovillianer auch hier in Auroville einen bezahlten Job haben bzw. sie dadurch genug verdienen. Viele haben sich zuerst in ihrem Heimatland (oder anderswo) durch ihre Arbeit einen gewissen Geldvorrat angelegt, um nun hier mit nur einem „kleinen“ Job oder sich vollkommen ihrem Hobby widmend leben zu können. Manche gehen (fliegen) auch jedes Jahr für ein paar Monate in ihr Heimatland, um zu arbeiten und etwas Geld zu verdienen. In Auroville soll man nicht um des Geldes wegen arbeiten, sondern weil man Freude daran empfindet, man anderen dadurch hilft und/oder dabei etwas lernt. Diesem Ideal folgen auch viele. Nur lässt es sich nicht immer so ohne Probleme leben. Immer wieder gab es auch Phasen, in denen nur solche Leute Aurovillianer werden konnten, die ausreichend Geld besaßen, was ja nicht gerade nach „human unity“ klingt. Doch das Problem lag (und liegt) darin, dass Auroville nicht ständig neue Häuser und Wohnungen bauen kann (bzw. Aurovillianer für immer Auroville verlassen und somit ihr Haus Auroville übertragen wird), die denjenigen zugewiesen werden, die sich kein eigenes Haus bauen können.

    Ob Auroville wirklich so aussehen wird in der Zukunft mit 50.000 Bewohnern ist fragwürdig – doch die Galaxieform ist der bisherige Plan

    Wer sind denn eigentlich diese Aurovillianer? Zur Zeit gibt es ca. 2700 Aurovillianer aus 50 verschiedenen Nationen, wobei die Inder, Franzosen und Deutschen die größten Gruppen darstellen. Eines Tages soll Auroville 50.000 Bewohner von überall auf der Welt beherbergen. Doch zu all diesen Aurovillianern kommen natürlich noch ein paar Hundert Freiwillige und Gäste (übers Jahr summiert Tausende), sowie Newcomer (so wird man die paar Jahre genannt, bevor man den Prozess der indischen Bürokratie durchgemacht hat und endlich ein spezielles Visum für einen längeren Aufenthalt mit Arbeitserlaubnis in Auroville bekommt). Außerdem werden viele der 35.000 Bewohner der umliegenden Dörfer (meist durch Arbeit innerhalb von Auroville) in das alltägliche Leben in Auroville eingebunden. Somit ist Auroville keine „gated community“. Dennoch ist Auroville weder Indien noch westliche Welt. Es ist ein spezieller Ort, den man nur dann am besten erfahren kann, wenn man in Auroville für eine längere Zeit lebt.

    Wie sieht es mit der „Politik“ aus? Bei der Gründung gehörte Auroville dem Ashram und war somit nicht staatlich. Doch nach „Mutters“ Tod kam es in den 70ern zu Schwierigkeiten und so griff die indische Regierung ein und erließ 1988 den Auroville Foundation Act. Seit dem gibt es drei Körper, die Auroville „regieren“. Das Governing Board besteht aus von der indischen Regierung ernannten ehemaligen nationalen Politikern und wird durch einen Secretary in Auroville vertreten, dessen Aufgabe es ist, zu überwachen, dass nichts gegen die indischen Gesetze verstößt. Der International Advisory Council soll das Governing Board in manchen Themen beraten. Zur Residents Assembly gehören alle volljährigen Aurovillianer, die durch das Working Committee vertreten werden. Letzteres arbeitet mit dem Secretary zusammen. Solche Gremien findet man in Auroville recht viele. So kommen in der Farm Group die Farmer Aurovilles zusammen, um sich über bestimmte Themen zu beraten und Entschlüsse zu fassen. Meist jedoch müssten diese dann erst über das Working Committee vom Secretary zugelassen werden. Doch nicht immer sind diese Gremien funktional (was dazu führt, dass jeder tut, was er will) und gewisse Disskusionen werden in ihnen schon seit Jahren ausgetragen. So hat zum Beispiel „die Mutter“ gesagt, dass nicht alle Straßen und Wege geteert/gepflastert werden sollen. Doch es ist nicht zu leugnen, dass gepflasterte Straßen während des Monsun deutlich angenehmer sind. Zu einer Einigung ist man bis heute nicht gekommen, aber Auroville ist ja auch ständig im Wandel.

    Ganz anderes Thema: Schule. Prinzipiell besteht keine Schulpflicht in Auroville, dennoch werden die meisten Kinder zur (für Aurovillianer kostenlosen) Schule geschickt. Noten bekommen die Schüler keine, außer in den letzten zwei Jahren, wenn sie sich dafür entschieden haben, einen internationalen Schulabschluss abzulegen. Natürlich sind auch die Schulen auf die Prinzipien Sri Aurobindos und „der Mutter“ abgestimmt. Wie allgemein in Auroville herrscht hier die Stimmung, dass man durch Selbstfindung seine eigenen Potentiale besser entfalten kann und das auch der Gemeinschaft zu Gute kommt. Orte zum Lernen gibt es hier viele – auch für Erwachsene, schließlich kann man im Leben ja nie auslernen. Doch ob diese Vielfalt schon als „unending education“ bezeichnet werden kann, ist nochmal ein anderes Thema.

    Zum Schluss: Ist Auroville (bisher) ein Erfolg? Schwierige Frage, die wohl jeder für sich selbst beantworten sollte. Auroville basiert auf einer Charta mit vier Punkten und recht allgemein gehaltenen Aussagen. Außerdem ist Auroville einfach nur ein kleines Dorf irgendwo auf dieser Welt. Doch untätig sind die Bewohner hier nicht – sie bleiben am „experimentieren“.

    Bildquellen: www.auroville.org


  5. Im Indischen Krankenhaus – Ein Erfahrungsbericht

    Juni 21, 2016 by Catha

    Nichts läuft so wie mensch es sich vorstellt.

    Ich hatte ja gedacht mein vorheriger Blogeintrag würde auch der Letzte sein den ich von hier schreibe, denn von nun an würde ja nicht mehr viel passieren.

    aber dann kam alles ganz anders …
    Als ich mich eines nachts in einer Kapsel im Youth Center ganz entspannt neben Max, einem guten Kumpel und Mitfreiwilligem, legen wollte und daraus resultierte, dass wir beide drei Meter tief auf den Waldboden stürzten, durfte ich die Notaufnahme des JIPMER Hospitals (Jawaharlal Institute of Postgraduate Medical Education and Research) in Pondicherry zum ersten Mal kennenlernen.
    Ich erinnere mich allerdings nur verschwommen an den größten Teil dieser Nacht da ich entweder halb bewusstlos oder einfach zu sehr unter Schock war um viel mitzubekommen. Vielleicht waren es aber auch die Beruhigungs- und Schmerzmittel die sie mir gespritzt haben, wer weiß das schon?
    Max und ich hatten Glück im Unglück und keiner von uns war ernsthaft verletzt.
    Meine Nase hatte allerdings eine kleine Fraktur. Da meinten sie aber, ich solle doch einfach in zwei Wochen zum Check-up nochmal kommen. Und so wurden wir mit vielen Schmerzmitteln bewaffnet nach Hause geschickt.
    Im Laufe der nächsten zwei Wochen hatte ich mich wieder erholt und mein Freund Frederic war auch wieder von seinem Treck aus dem Himalaya aufgetaucht (ohne Verletzungen) und hatte grade den Schock von meinem Unfall verdaut, als es dann an der Zeit war sich wieder zum Krankenhaus aufzumachen. Zu dem besagten Nachsorge-Termin.
    Diesmal bei vollem Bewusstsein und mit Verstärkung.
    Montag:
    Die Notaufnahme war unser erster Anlaufpunkt auf dem riesigen Gelände. Völlig überfüllt und typisch indisch chaotisch.
    Nach einiger Zeit des verwirrt Dreinschauens hat sich dann doch jemand dazu durchgerungen uns zu sagen das wir zu einem anderen Gebäude müssen wo sich die HNO-Abteilung befindet. Noch mehr herumgeirre…
    Irgendwie haben die Abteilungen alle Zahlen, aber ob und welcher Sinn hinter diesen steckt, habe ich bis heute nicht herausfinden können. Wir mussten zur 72.
    Rumfragen hilft immer. Dort angekommen gab es keine ersichtliche Ordnung und wir sind einfach mal drauflos in den ersten Raum spaziert. Natürlich muss mensch drängeln, denn sonst hat mensch keine Chance. Ich wurde auf einen Stuhl gezogen und meine Akte wurde durchflogen. Wer ist der Typ da, der bei dir ist? Eh… mein Ehemann natürlich, wer sonst? Alles klar, wurde so akzeptiert. Dann einige Diskussionen später:
    Sie müssen operieren. Vollnarkose oder lokale Betäubung? Immer her mit der Vollnarkose!
    Dann meine Frage: Wann? Antwort: Sobald wie möglich. Würden sie erst Mittwoch wissen.
    Dienstag:
    Ich musste für Bluttests und Röntgen wiederkommen.
    Juuucchu: HIV negativ! 😉 Auch sonst alles schick.
    Mittwoch:
    Ja, sie würden dann morgen operieren.
    Ohhhhkay. Das ging jetzt irgendwie schnell.
    Ich würde auch dann auch heute Nacht schon im Krankenhaus bleiben müssen.
    Toll.
    Ein Einzelzimmer. Die Matratze war ungefähr so bequem wie der Boden, aber die Dusche war cool und alles sauber.
    Auch sonst war mein Eindruck vom Krankenhaus bis dahin durchweg recht gut gewesen. Klar, schon irgendwie indisch: Es lagen viele Menschen auf den Gängen und es roch nicht überall so richtig gut. Aber die Ärzte von mir wirkten alle professionell und Frederic durfte für die gesamte Zeit bei mir bleiben. Darüber war ich echt froh.
    Donnerstag:
    Schon früh geht’s für mich in den Pre-Operationsraum. Klimaanlage inklusive. Gott habe ich gefrorenen.
    Die Betäubungsmittel haben wunderbar gewirkt, ich habe noch Stunden nach der Operation friedlich vor mich hin geschlafen, und auch sonst war alles glatt gelaufen.
    Später am Abend ging’s wieder zurück in mein Zimmer.
    Freitag und Samstag:
    Ich wurde wegen meinen Schmerzen immer grummeliger und die Schwestern immer angepisster von mir. Ich wollte mir nicht die Haare kämmen und flechten lassen und mir war auch egal das mein T-shirt nicht über die Schultern reichte. Das ging ja mal gar nicht.
    Als mir dann Samstag Mittag die Pads aus meiner Nase geholt wurden und die damit verbundenen Schmerzen fast direkt verschwanden, waren sämtliche Schwestern glaube ich fast genauso glücklich wie ich über meine darauffolgende Entlassung.
    Ich hatte inzwischen gefühlt auch den Schmerzmittelvorrat erheblich geschmälert gehabt und mehr Aufmerksamkeit auf mich gezogen als irgendein anderer Patient auf der Station.
    Endlich nach Hause! Natürlich direkt wieder mit dem Motorbike, wir sind schließlich in Indien 😀

    Das war dann auch schon der größte Teil meiner Zeit im Krankenhaus. Ich bin dann nur noch mal zu einem Nachsorgetermin eine Woche später, bei dem bestätigt wurde, dass alles schick sei, dort gewesen. Ich hatte nun wieder eine grade Nase und wir kannten uns blind auf dem JIPMER Gelände aus.

    Also keine Sorge an alle zukünftigen Indien oder Auroville-Reisenden: Die Medizinische Versorgung ist ganz wunderbar hier und eine einzigartige Erfahrung (die mensch aber nicht unbedingt machen muss).