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‘Lagebericht’ Category

  1. Im Indischen Krankenhaus – Ein Erfahrungsbericht

    Juni 21, 2016 by Catha

    Nichts läuft so wie mensch es sich vorstellt.

    Ich hatte ja gedacht mein vorheriger Blogeintrag würde auch der Letzte sein den ich von hier schreibe, denn von nun an würde ja nicht mehr viel passieren.

    aber dann kam alles ganz anders …
    Als ich mich eines nachts in einer Kapsel im Youth Center ganz entspannt neben Max, einem guten Kumpel und Mitfreiwilligem, legen wollte und daraus resultierte, dass wir beide drei Meter tief auf den Waldboden stürzten, durfte ich die Notaufnahme des JIPMER Hospitals (Jawaharlal Institute of Postgraduate Medical Education and Research) in Pondicherry zum ersten Mal kennenlernen.
    Ich erinnere mich allerdings nur verschwommen an den größten Teil dieser Nacht da ich entweder halb bewusstlos oder einfach zu sehr unter Schock war um viel mitzubekommen. Vielleicht waren es aber auch die Beruhigungs- und Schmerzmittel die sie mir gespritzt haben, wer weiß das schon?
    Max und ich hatten Glück im Unglück und keiner von uns war ernsthaft verletzt.
    Meine Nase hatte allerdings eine kleine Fraktur. Da meinten sie aber, ich solle doch einfach in zwei Wochen zum Check-up nochmal kommen. Und so wurden wir mit vielen Schmerzmitteln bewaffnet nach Hause geschickt.
    Im Laufe der nächsten zwei Wochen hatte ich mich wieder erholt und mein Freund Frederic war auch wieder von seinem Treck aus dem Himalaya aufgetaucht (ohne Verletzungen) und hatte grade den Schock von meinem Unfall verdaut, als es dann an der Zeit war sich wieder zum Krankenhaus aufzumachen. Zu dem besagten Nachsorge-Termin.
    Diesmal bei vollem Bewusstsein und mit Verstärkung.
    Montag:
    Die Notaufnahme war unser erster Anlaufpunkt auf dem riesigen Gelände. Völlig überfüllt und typisch indisch chaotisch.
    Nach einiger Zeit des verwirrt Dreinschauens hat sich dann doch jemand dazu durchgerungen uns zu sagen das wir zu einem anderen Gebäude müssen wo sich die HNO-Abteilung befindet. Noch mehr herumgeirre…
    Irgendwie haben die Abteilungen alle Zahlen, aber ob und welcher Sinn hinter diesen steckt, habe ich bis heute nicht herausfinden können. Wir mussten zur 72.
    Rumfragen hilft immer. Dort angekommen gab es keine ersichtliche Ordnung und wir sind einfach mal drauflos in den ersten Raum spaziert. Natürlich muss mensch drängeln, denn sonst hat mensch keine Chance. Ich wurde auf einen Stuhl gezogen und meine Akte wurde durchflogen. Wer ist der Typ da, der bei dir ist? Eh… mein Ehemann natürlich, wer sonst? Alles klar, wurde so akzeptiert. Dann einige Diskussionen später:
    Sie müssen operieren. Vollnarkose oder lokale Betäubung? Immer her mit der Vollnarkose!
    Dann meine Frage: Wann? Antwort: Sobald wie möglich. Würden sie erst Mittwoch wissen.
    Dienstag:
    Ich musste für Bluttests und Röntgen wiederkommen.
    Juuucchu: HIV negativ! 😉 Auch sonst alles schick.
    Mittwoch:
    Ja, sie würden dann morgen operieren.
    Ohhhhkay. Das ging jetzt irgendwie schnell.
    Ich würde auch dann auch heute Nacht schon im Krankenhaus bleiben müssen.
    Toll.
    Ein Einzelzimmer. Die Matratze war ungefähr so bequem wie der Boden, aber die Dusche war cool und alles sauber.
    Auch sonst war mein Eindruck vom Krankenhaus bis dahin durchweg recht gut gewesen. Klar, schon irgendwie indisch: Es lagen viele Menschen auf den Gängen und es roch nicht überall so richtig gut. Aber die Ärzte von mir wirkten alle professionell und Frederic durfte für die gesamte Zeit bei mir bleiben. Darüber war ich echt froh.
    Donnerstag:
    Schon früh geht’s für mich in den Pre-Operationsraum. Klimaanlage inklusive. Gott habe ich gefrorenen.
    Die Betäubungsmittel haben wunderbar gewirkt, ich habe noch Stunden nach der Operation friedlich vor mich hin geschlafen, und auch sonst war alles glatt gelaufen.
    Später am Abend ging’s wieder zurück in mein Zimmer.
    Freitag und Samstag:
    Ich wurde wegen meinen Schmerzen immer grummeliger und die Schwestern immer angepisster von mir. Ich wollte mir nicht die Haare kämmen und flechten lassen und mir war auch egal das mein T-shirt nicht über die Schultern reichte. Das ging ja mal gar nicht.
    Als mir dann Samstag Mittag die Pads aus meiner Nase geholt wurden und die damit verbundenen Schmerzen fast direkt verschwanden, waren sämtliche Schwestern glaube ich fast genauso glücklich wie ich über meine darauffolgende Entlassung.
    Ich hatte inzwischen gefühlt auch den Schmerzmittelvorrat erheblich geschmälert gehabt und mehr Aufmerksamkeit auf mich gezogen als irgendein anderer Patient auf der Station.
    Endlich nach Hause! Natürlich direkt wieder mit dem Motorbike, wir sind schließlich in Indien 😀

    Das war dann auch schon der größte Teil meiner Zeit im Krankenhaus. Ich bin dann nur noch mal zu einem Nachsorgetermin eine Woche später, bei dem bestätigt wurde, dass alles schick sei, dort gewesen. Ich hatte nun wieder eine grade Nase und wir kannten uns blind auf dem JIPMER Gelände aus.

    Also keine Sorge an alle zukünftigen Indien oder Auroville-Reisenden: Die Medizinische Versorgung ist ganz wunderbar hier und eine einzigartige Erfahrung (die mensch aber nicht unbedingt machen muss).


  2. Oh, wie schön ist Discipline!

    April 23, 2016 by Kaya

    Kennt ihr noch die Geschichte von Janosch namens „Oh, wie schön ist Panama“? Der kleine Bär findet eine Holzkiste auf der Panama steht. Er schnuppert daran und als sie nach wundervollen Bananen riecht weiß er, dass Panama das Land seiner Träume sein muss.

    Ebenso schnell wie kleine Bären scheinen mir auch Weltwärtsler ab und zu gewissen Dingen und Orten zu verfallen.

    Auch wenn es bei mir eher Orte wie die Matrimandirgärten oder der Schatten unter meinem Baum auf La terasse sind die mich entzücken, möchte ich euch lieber von einem Ort erzählen der gerade mein Zuhause ist.

     

    Discipline.

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    Generell sind Leute immer erst mal verstört: „Du wohnst in … Discipline?“

    Und ich bin dann immer erst mal verwirrt, weil ich gar nicht weiß was sie haben: „Ja doch, auf der Discipline-Farm“

    „Heißt die wirklich so?“

    „Achso du meinst den Namen. Ja die Mutter hat damals Basilikum den Namen Discipline gegeben, und das ist dort gewachsen… Daher heißt die Farm so und keine Sorge, eigentlich herrscht dort Anarchie.“

    Meistens ist mein Gegenüber dann allerdings immer noch kritisch…

     

    Aber generell haben die Communities hier merkwürdige Namen. Die meisten haben wir tatsächlich noch „der Mutter“ Mirra Alfassa zu verdanken. Und dadurch dass ziemlich viele Communities ziemlich merkwürdig-inspirierende Namen haben entstehen spät Abends dann schon mal solche Gespräche:

    Du weißt schon das du gerade auf nem Dach in Discipline sitzt. Wenn du so weiter machst brauchst du bald ein wenig protection

    ..wenn du mit grace vom Dach fällst.

    Ich fall vom Dach mit certitude. Das wird ein Adventure. Oder ein miracle! Mehr courage wenn ich bitten darf.

    Na das wird eine celebration. Surrender, surrender. Ein bisschen joy jetzt.

    Leute ein wenig mehr creativity … und imagination! Lass uns das einfach acceptance that. ihr seid doch meine amis. Und Felix der ist Evergreen.

    Ein wenig mehr discipline jetzt! Leute seid quiet! Das bringt mich voll auf neun Palmen.

    Und bevor wir vor lachen tatsächlich alle vom Dach rollen natürlich noch das gute alte:

    What happens in Cashew, stays in Cashew!

    Zurück zu Disciplin.

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    Der Eingang mit Max Tetra Pak Roof 🙂

    Discipline Farm ist der Ort an dem zurzeit Max, Frederic, Catha, Felix und Ich (Kaya) wohnen. Es ist einer dieser Orte die auf den ersten Blick irgendwie paradiesisch wirken

    Vielleicht liegt es an den vielen Hängematten oder den Palmen, oder Menschen die diesen Platz besonders machen. Für mich ist es am meisten das Gefühl nicht immer von Wänden eingeengt zu sein. Keine Tür zu haben die darauf wartet zugeschlossen zu werden und nur durch eigene Regeln bestimmt zu sein. Und das trifft zwar hauptsächlich auf Discipline zu aber Freiheit findet man an so vielen Orten Aurovilles.

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    Ananas!!

    Disciplin ist eine organische also eine Bio Farm. Hier wird allerlei angebaut was auch in Deutschland bekannt sein dürfte (auch wenn es dann hier auch wieder ganz anders aussieht und schmeckt als der stuff den man in Deutschland bekommt).  Dazu gehört beispielsweise Minze, Basilikum, Pfeffer, Papayas, Kokosnüsse, Ananas, Bananen, Kürbisse, Auberginen, Mangos, Spinat, Salat, Limonen etc.

     

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    Der Sommer ist zu heiß für alle..

    Aber dann gibs auf Discipline noch vieles was zumindest ich erst hier kennenlernte wie Chicos, Jackfruit, Passionfruit (weiße Maracuja) und gelbe Chilies. Ausserdem hat die Farm einige Kühe die die in Auroville am meisten  gepriesene Milch geben. Als Veganer finde ich Kälbchen auch wirklich süß aber es ist immer hart, wenn diese dann plötzlich nicht mehr da sind weil sie männlich sind und die Farm sie deshalb nicht behält, oder wenn das Kälbchen im Alter von ein paar Tagen von der Mutter getrennt wird, die daraufhin die ganze Zeit nach ihrem Kälbchen ruft. WP_20151227_12_44_39_Pro

     

    Max, Frederic und Catha arbeiten hier auf der Farm als Weltwärts Freiwillige und helfen zum Beispiel beim pflanzen, Löcher buddeln, Sprinkleranlagen zu installieren, Beete anzulegen, Werkzeuge reparieren etc.

     

    Wir Weltwärtsler wohnen auf Discipline in Kapseln, geräumige Bambushütten mit Palmenblatt Dächern, die eigentlich total offen sind und durch die auch im Sommer ab und zu ein Windhauch pfeift.

     

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    Aufgeräumt??!

    Oft sind wir allerdings nicht in den Kapseln sondern eher in unserer Küche die in einer gepflasterten kleinen Hütte ist, in der früher mal eine ganze Familie wohnte.

    Ansonsten hängen wir Weltwärtsler meistens in den Leinen unserer Hängematten.

     

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    verschlafen

    Oder Max macht mal wieder nen Feuer auf dem Küchendach. Frederic gießt seine Beete und Max repariert irgendwas, man hört schon von weitem die Musik vom Buena Vista Social Club. Catha rauscht im nächsten Kleid an mir vorbei und Felix schreibt mal wieder einen Witz an unsere Tafel. Avinash radelt mit seinem Kinderrad an unserer Küche vorbei. Man trifft Bärbel, die irgendwie immer lacht, Frank oder die anderen Discipline Bewohner: Karin, Lukas, Hilal….

     

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    Kapsel-Ganesh

    Und dann sitze ich manchmal einfach auf dem großen Steintisch vor unserer Küche und beobachte.

    Unsere wilden Nachbarn bzw. unfreiwilligen Mitbewohner sind auch wunderbar: An meinem zweiten Morgen hier wurde ich von einem kleinen Vogel geweckt, der neben mir saß und ein Lied sang. Später kamen dann die Ratten, die sich in meinem Dach einnisteten (und die ich gezwungenermaßen umsiedelte). Jetzt sind es die Streifenhörnchen, die sich teilweise immer noch über meine Wäsche hermachen und sich morgens, wenn sie denken ich schlafe noch, gegenseitig durch meine ganze Kapsel jagten. Auf der Farm trifft man Mungos, die aus unserem Komposttoiletten-häuschen flitzen, unseren Klofrosch Fridolin, unsere Riesenspinne die immer wieder nach Monaten des Verschwindens auftaucht. Oder man hört die ganze Nacht Karins Katze miauen.

     

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    Caro und Felix beim Küche anmalen 🙂

    Aber das schöne für mich ist doch, dass das alles irgendwie real und gleichzeitig traumhaft wirkt. Ja in Brunnen kann man springen, Ananas wachsen auf dem Boden, Wände sind manchmal einfach zum malen da, es gibt Bäume die nachts glitzern, Kapsel Türen können auch einfach immer offen stehen. Und Kingsfischer sind blaue Blitze die manchmal über den Himmel zucken um sich dann gemütlich im nächsten Baum niederzulassen.

     

    Jetzt wo überall die Aurovillianer vor der Hitze des Sommers fliehen und die Häuser leerstehen, sieht es so aus, als würde der Großteil der Discipline WG wenn nicht sogar alle meine Mitbewohner, sogenannte Housesittings machen und in andere Ecken Aurovilles ziehen. Ich selbst reise erst mal. Wer dann in der Discipline WG wohnen wird?

     

    Anbei noch ein paar Bilder 🙂

    Machts gut Leute!

     

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    Mal ohne Dach Bedeckung…

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    Was wird da mit meinem Dach gemacht?

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    Küchen Tafeln sind schon ne feine Sache.

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    Anneke und Felix beim Frühstück

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    Meine Kapsel 🙂

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    Auch das liegen in der Hängematte lädt zum Nachdenken ein. Who are You?

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    Von Dorina gemaltes Mandala

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    Das Wohnzimmer

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    Riesige Jackfruits im Baum…

     

     

     

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    Küche aufräumen…kann hart sein

     

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    Max in der Mittagspause

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    Minz Felder

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    Seien wir mal ehrlich: Kompost Klos sind das einzig Vernünftige.

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    In der Kapsel

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    Traumfänger unterm Moskitonetz..


  3. Email aus Auroville oder auch „Ein recht überschwänglicher Bericht“

    Februar 29, 2016 by Kaya

    Hallo ihr, ich hab vor einiger Zeit eine dieser Rundmalis gesendet, mit denen man allen Verwandten und Freunden ab und zu ein kleines Lebenszeichen – und die Versicherung noch nicht von einer Kokosnuss erschlagen worden zu sein – gibt.

    Als ich jetzt nochmal drüber las dachte ich mir – warum nicht auf den Auroblog? Also hier eine kleine Email – Bilder gibts auch am Ende 🙂

     

    Hallo ihr da draussen,

    als erstes mal vielen Dank für all die lieben Rückmeldungen die ihr mir zum Auroville- Advenskalender gegeben habt, schön zu hören, dass euch Auroville, mein Leben hier und ameisensichere Essensschränke so faszinieren 😉 Und natürlich Danke an alle die noch etwas gespendet haben und das hier alles ermöglichen 🙂

    Schon ist wieder soviel passiert dass ich hoffe wenigstens die Highlights noch zusammenzubekommen und vielleicht das ein oder andere schmunzeln auf euer Gesicht zu zaubern.

    Fangen wir mal mit meiner derzeitigen Lage an: Ich sitze draussen, ich habe einen langen Rock und TShirt an, es ist schon dunkel und die Grillen zirpen, um mich herum das Geklapper von Geschirr und Leute die auf allen möglichen Sprachen miteinander reden. Ich sitze auf steinen auf einer riesigen Terrasse über der Solarkitchen die ein Cafe mit dem wunderbaren Namen “La Terrasse” ist. Über mir ist der Ast eines Baumes der Kaya heißt (der Baum, nicht der Ast). Neben mir ein Teller auf dem gerade noch superleckeres Toastbrot mit Brushetta war und ein frischer Lemonensaft. Soviel zum Paradiesischen.

    Emotional bin ich nämlich da angelangt wo wahrscheinlich jeder junge Mensch der hier länger ist irgendwann hinkommt: Im ziemlichem Chaos. Auroville ist ein wunderschöner Ort zum Nachdenken und ich hab gerade dass Gefühl, dass ich das zu sehr tue (oder halt über die falschen Fragen: “Studieren oder Weiterreisen? Kann ich überhaupt wieder in ein Leben wie das in Deutschland, wo alles so geregelt ist? Werde ich irgendwann hier herziehen? Wer bin ich überhaupt?“ – solche Fragen halt.)
    Natürlich weiß ich dass das alles irgendwie Quatsch ist – und keine Sorge am 8. August werde ich auch wieder nach Deutschland zurückkommen – aber solche Fragen stell ich mir halt gerade…

    Trotzdem finde ich einige Sachen die es so in Deutschland gibt mittlerweile sehr merkwürdig und frage mich wie lange ich brauchen werde mich wieder dran zu gewöhnen: da wären Toilettenpapier zu benutzen, Warm zu duschen, feste Schuhe zu tragen, pünktlich zu kommen, mit Messer und Gabel zu essen , in einem geschlossenen Raum zu schlafen, 10 Grad zu haben (brr muss das Kalt sein), nicht dauernd irgendwelche Mitbewohner wie Kühe, Geckos, Streifenhörnchen, Ratten, Singvögel, Fledermäuse, Riesenspinnen, Mungos und Weltwärtsler zu haben, Angemessen (Helm, dicke Kleidung, mit (festen) Schuhen, nicht zu dritt und nicht mit Kleinkind) Motorrad zu fahren , sich nicht die halbe Zeit von Papayas, Annanas, Bananen, Passionfruits und Chicos zu ernähren, und so viel mehr..
    Mein Oha-Moment war allerdings als ich mir letztens Nachts (weils so kalt war) zum ersten mal seit 6 Monaten Socken angezogen hab und sie mir nach zwei Minuten wieder von den Füßen riss da es so ein merkwürdiges, unangenehmes Gefühl war…

    Was ich sonst so in letzter Zeit gemacht habe?
    War mit Ribhu zum Teachers-Training an der Westküste in Mangalore und dann in Mysore. Wir haben einen echten Guru getroffen und haben mehrere Nächte in indischen Nachtzügen verbracht – klasse aber ziemlich anstrengend – die mit gefühlt 35 km/h durch die indische Nacht fahren und bei denen man sich einfach auch mal aus der Tür lehnen kann. Das Teacher-training lief überall gut und wir hatten sogar ein bisschen Zeit Mangalore und Mysore zu erkunden. Dann haben wir auf dem Rückweg noch eine Präsentation vor Bossen von einer riesigen Firma gehalten, bei einer Milliadärin gegessen und sind in den Pongal-Stau hinter Chennai gekommen. Pongal ist neben Diwali der größte Feiertag in dieser Gegend und während man bei Diwali Feuerwerke zündet (Lichtfest) ist Pongal eher so etwas wie in manchen Teilen Deutschlands das Ernte-Dank-Fest. Das schließt wohl mit ein, dass Tempel wochenlang nachts um 4 anfangen mit einer unglaublichen Lautstärke Musik zu spielen – und alle Menschen aufzuwecken. An Pongal selbst werden die Kühe geschmückt, angemalt und vollkommen verängstigt durch die Menschenmassen getrieben, wobei dann schonmal eine Kuh in die Menge der Zuschauer rennt. Als heiliges Tier hat man hier scheinbar echt keinen Spaß.

    Von Indien sagt man ja immer man liebt es oder man hasst es. Mittlerweile muss sagen nach meinen anfänglichen Schwierigkeiten mit vollen Städten und scheinbar lebensgefährlichen Verkehr liebe ich es hier mit nem Motorrad durchs nächtliche Pondy zu fahren, abends in kleinen Spelunken Parotha oder Dosa zu essen oder nach mehreren Bussen endlich auf der Ladefläche eines kleinen Trucks nach Hause zu kommen. Auch das mit der indischen Mentalität habe ich irgendwann kapiert und weiß dass “Naleki, Naleki” (Morgen, Morgen) auch “in vier Wochen – aber das auch erst wenn du mich alle drei Tage erinnerst” heißen kann. Meistens muss man halt irgendwie einen Weg finden, dann ist aber alles auch plötzlich ganz einfach.

    Sonst haben wir noch ne Tour ins 70 km entfernte Gingee (ich mit 4-jährigem Nachbarskind einer Freundin und ihr auf meinem Motorrad hinten drauf) und in die Mangrovenwälder gemacht. Ich hab zum ersten Mal in meinem Leben (mit Maya) eine Klasse neugieriger 5. Klässler unterrichtet – was merkwürdiger Weise total spaß gemacht hat. Wir entwickeln bei Wasteless (Facebookseite) gerade unser neues Memoryspiel um Kindern alles über Plastik beizubringen und Maya und ich schreiben und testen ein Schulprogramm zum Thema Waste. Wenn ich mal wegen irgendwas traurig bin und auf Arbeit Ribhu und Chani davon erzähle dann werden sie mich garantiert den halben Vormittag (erfolgreich) zum lachen bringen… Ich fühle mich gerade also trotz meiner hin und wieder aufkommenden Melancholie recht wohl hier. Leider werde ich die nächsten 20 Tage wegen verschiedener Veranstaltungen warscheinlich arbeiten, aber dafür gibts dann auch mal Buisness-Restaurant Lunch 🙂

    Bleibt noch zu erwähnen dass ich den Ratten, die irgendwann in meine Kapsel gezogen sind, die friedliche Ko-Existenz gekündigt habe, seitdem sie so dreist waren und 75% meiner Unterwäsche und meine Zehen angeknabbert haben. Hab mir von jemanden eine Lebend-Falle geliehen und fange jetzt auf “Daily-Basis” Ratten die ich dann mit meinem Motorrad (sie mögen meinen Fahrstiel so garnicht) ans andere Ende von Auroville bringe.
    Sonst gabs am Wochenende noch ne Party auf der ich mir irgendwie einen Zeh (nicht so schlimm) gebrochen habe. Kleine Anmerkung: Wer denkt in Auroville gibts keinen Alkohol der hat da was falsch verstanden…

    Meine Discipline-Kapsel-WG hab ich auch ganz doll lieb und mit dem Abwasch sind wir (sagen wir mal) auf dem richtigen Weg. Max hat unser Küchendach zum Feuerplatz auserkoren und der wackligen Bambusleiter dort rauf ist auch noch niemand (so wirklich) zum Opfer gefallen. Ich hab mir ein Fahrrad gekauft um neben Yoga und (ab und zu) schwimmen noch irgendwie anderen Sport zu machen (Indische Parotha und Samosa sind nun mal ziemlich fettig)..

    Das Kulturelle Angebot lässt hier auch keine Wünsche offen und mein halbes leben besteht aus Kino, Potluck, Cafe, Dinesh, Tamilischen Songs, Kolams zeichnen, Konzerten, etc.. und vielen ganz tollen Menschen 🙂
    Mittlerweile bin ich nach der Arbeit auch öfter mal im “Garden of Unity”. Das ist der Garten (die Gärten) ums Matrimandir (der goldene Ball) herum. Dort kann man wunderbar über Wiesen spazieren, am Banjam Baum sitzen, Meditieren, dem Rauschen der Brunnen zuhören, kleine Schwarze Vögel und Pfauen beobachten oder einfach Tagebuch schreiben… Leider muss man um einen Pass zu bekommen erst mal einige Tage herumrennen…
    Bleibt noch zu erwähnen, dass es gerade eine Crowdfunding-Kampagne für einen Aurovillefilm von zwei Deutschen gibt: In dem Film geht es um drei junge Menschen die in Auroville aufgewachsen, dann nach Europa gezogen und irgendwann hierher zurückgekommen sind. Einer der drei ist natürlich …. tadam…. Ribhu. Er selbst findet das ganze ein wenig “cheesy” was wahrscheinlich auch stimmt (hier der Trailer ) aber wenn sie ihn mal zu Wort kommen lassen wird das auf jeden Fall ein toller Film. Ich hoffe auf jeden Fall dass das mit dem Crowdfunding irgendwie klappt…

    Anbei noch ein paar Bilder die ich in einen Dropbox Ordner packe… [Am Ende des Auroblog-Artikels]

    So jetzt macht La Terrasse zu und ich sollte lieber mal nach Hause wo heute noch Catha in unsere zuvor Alles-Jungs-ausser-Kaya-Kapsel-WG zieht. Zum Glück hatte Anneke den Januar über auch hier gewohnt 🙂 YAY!!

    Liebe Grüße aus der Ferne. Ich hoffe euch gehts allen soweit gut, und ich versuch euch irgendwie Sonnenschein zu schicken..
    Kaya

    p.s. hab ne neue Email-Adresse, bitte Einspeichern! 😉 – Posteo ist Gut!

    p.p.s Anneke hat mir die Haare geschnitten


  4. Von einer die auszog, die Einsamkeit zu lernen

    Februar 3, 2016 by Laura

    Wer wandernd nicht Gefährten trifft,
    die besser, oder doch ihm gleich,
    zieh einsam fest die Straße fort –
    Gemeinschaft gibt’s mit Toren nicht.

    Buddha

    Auf dieses Zitat bin ich gerade gestoßen und fand es sehr passend, auch wenn es bei meinem minimalistischen Aesthethikempfinden einen Unwillen – vergleichbar mit dem mit welchem meine Chefin über bunte Rangolis spricht oder unsere Ama die Töpfe beim Saubermachen stehen lässt – auslöst.

    Und doch ist es sehr zutreffend für mich. Ich ging nach Auroville mit vielen Vorstellungen, wie ich an mir arbeiten könnte und was sich verändern würde. Doch eine meiner Idealvorstellungen war, und das ist es immer noch zum Teil, die Einsamkeit zu lernen und sie umarmen zu können wie einen alten Freund. Damit ich selbstzufrieden, ohne mich auf andere verlassen zu müssen oder mich selbst einzuschränken, durch’s Leben gehen kann. Ein nach wie vor guter Vorsatz, wie ich finde. Dabei habe ich jedoch nicht die Kraft der Gemeinschaft hier einberechnet. Dass auch dabei andere Menschen eine Rolle spielen, und ja, auch benötigt werden. In den letzten paar Wochen vorallem habe ich immer stärkere Gemeinschaftsgefühle entdeckt und eine Liebe, die tiefer geht als alles, was ich bis jetzt gespürt habe – für die Umgebung hier, für die Menschen, die ich immer näher kennenlernen darf, aber auch für Fremde, die hierherkamen, und für die Mirriade an möglichen Zukunftssträngen, die vor mir liegen so wie der blinkende Sternenhimmel über unserer Dachterasse, der mir heimlich zuzuzwinkern scheint.

    Ich habe oft das Gefühl, dass es gleich meine Brust sprengt vor Dankbarkeit und Freude und… ja auch ein bisschen Demut, das hier erleben zu können. Und anscheinend hatte Buddha Recht, ich musste so weit reisen und mich in neuen Umlaufbahnen bewegen – physisch und geistig – um etwas zu finden, was so unglaublich nah ist und alles überspannt wenn ich es nur zulasse. Das möchte ich mir wirklich bewahren, die Tore noch weiter aufstoßen. Und wenn das nicht geht, dann komme ich halt zum Fenster rein.


  5. Das (hoffentlich baldige) Ende des Monsuns

    November 26, 2015 by Kaya

    Wie merkwürdig es klingt, Alltag. Morgens aufstehen, duschen, zur Arbeit bei WasteLess, Mittagessen in der Solarkitchen, Lebensmittel einkaufen, weiterarbeiten, zum Yoga, nochmal mit den Anderen weg, vielleicht Kino, Tagebuch schreiben, ins Bett.

    So schön ein geregeltes Leben auch sein kann, Alltag trägt für mich immer auch den Beigeschmack von Langeweile. Dass der Monsun uns in den letzten Wochen oft an die Häuser fesselte und den Himmel verdunkelte machte das nicht besser.

    Der Monsun ist hier in Indien die sozusagen wichtigste Jahreszeit. All das Wasser was da vom Himmel fällt ist das ganze Jahr super wichtig für jedes Leben und es möglichst lange verfügbar zu machen eine der Herausforderungen der Menschen hier. Gleichzeitig passiert es in flachen, abgeholzten Landschaften schnell dass der Monsun kostbare Erde abträgt, die beste Möglichkeit dem Entgegenzuwirken ist eine ausgeglichene Fauna, aber darüber können die Leute aus Pitchandikulam und Sadhana Forest bestimmt besser erzählen.

    Die ersten Wochen die wir hier waren war es an manchen Tagen noch ziemlich heiß (auch für indische Verhältnisse) und ich erinnere mich wie Darius, Anneke und ich voller Freude auf den Hof rausrannten um im Regen zu tanzen, als dieser endlich die lang gewünschte Abkühlung brachte.

     

    Glückliche Regentage

    Glückliche Regentage

    Und im Sommer wird es ja dann noch heißer, viel zu heiß. Wir werden nach Regen und Abkühlung dursten. Der Monsun wird da lange nicht so schlimm und vielleicht auch ganz angenehm. Ein bisschen Kälte hier, ein bisschen Regen da……dachte ich (und Andere auch).

    Unsere romantischen Vorstellungen von Monsum waren dann auch spätestens nach ein paar Überflutungen, Erkältungen, Schlammsturzbächen auf den Wegen und schimmelnden Klamotten und Matratzen recht schnell verflogen.

    In den letzten Tagen schien dann endlich wieder die Sonne und Chani meinte auf Arbeit nur: „Would you like a cafe?“ und schon fuhren wir mit den Motorrädern zum Café, aßen Eiscreme und Kuchen, tranken Cappuccino und werteten unsere letzte WasteLess Kampagne aus.
    Es ist, als würde mit dem Ende des Monsuns auch das Leben wieder aufblühen. Heute war das wunderbare Lichtfest auf Deepam. Die Menschen freuen sich über die Sonne, die ausnahmsweise mal wärmend und nicht brennend ist und meine zwei Pollover (die bei 24 Grad durchaus lebenswichtig waren) hab ich voller guter Hoffnung so gut wie weggepackt.
    Die Kinder rennen wieder auf La Terrasse rum, man sieht mehr Menschen draußen und selbst die Tiere kommen wieder aus ihren Verstecken (und werden dann leider regelmäßig überfahren).

    Der Alltag in der Monsunzeit ist jedenfalls bald zu Ende und dann gibt es tausende Pläne was man alles machen könnte: In den Seen baden die es jetzt gerade überall gibt, Motorrad und Fahrradtouren, einfach mal ganz weit weg, den Steinbruchsee suchen, „Humans of Auroville“ starten, ein Kinderbuch schreiben, sich mit den Streifenhörnchen auf Disciplin anfreunden, Wäsche waschen, den Sari tragen, mal wieder nach Hause schreiben, Leute treffen, die man länger nicht gesehen hat, nach Sadhana (die Weggezogenen besuchen), den Ehemaligen Weltwärtslern die Videos senden die wir zufällig auf der Videokamera hier gefunden haben, Mundharmonika spielen oder einfach mal wieder was auf dem Auroblog schreiben.

    Ich zieh jedenfalls erst mal am Wochenende um, nach Disciplin in ne Kapsel, worauf ich mich total freue und dann geht’s mit meinem Projekt WasteLess noch für ne Woche nach Mangalore und Mysore in Karnataka, wo wir Lehrer in Wastemanagement-education und in Umgang mit dem von WasteLess entwickelten Garbology 101 Kit ausbilden (aber das ist nochmal ein anderes Kapitel).

    So jetzt fängts vor meinem Fenster wieder an zu schütten….
    Uiuiui, da war der Enthusiasmus vielleicht doch ein wenig zu voreilig.
    Gute Nacht und bis bald 🙂