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  1. Von der NGO-Work und dem Rest

    März 13, 2023 by Bastian Metzler

    Nun bin ich schon seit 6 Monaten in Auroville/Indien. Ich bin gut gebräunt und wackele mit dem Kopf, um den Kauf meines Aloo Parathas zu bestätigen. Ich habe mich ebenfalls ein bisschen mit den Kühen angefreundet, die einem egal wo man sich in Indien befindet auf der Straße begleiten. In diesem Bericht möchte ich also analog meine sechs Monate abfahren.

    Karte der Bundesstaaten Indiens, in rot Telenganga

    In meinem Projekt hat sich viel getan. Ich war das erste Mal mit Ramesh auf NGO-Work in Nord Indien. Genauer gesagt in Telengana. Dieser Staat befindet sich nördlich von Andhra Pradesh, zu dem es auch noch bis 2014 gehörte, dann aber seinen eigenen Staat gründete. Die Hauptstadt ist Hyderabad. Dort angekommen wurden uns von unserer Partnerstiftung Bharat Vikas die Unterkunft gezeigt. Hierbei handelte es sich um eine der schönsten Unterkünfte, die uns für unsere Arbeit bisher bereitgestellt wurden. Wir befanden uns in einer Region Telenganas, die für ihre Chillis und das daraus gemachte Masala Pulver bekannt ist. Überall auf dem Weg zu den Dörfern sah man grüne Felder, die bei genauerem Betrachten durch die Chillies rot gepunktet waren.

    Unser Tagesablauf in den folgenden Tagen war ungefähr so: Wir brachen um ca. 8 Uhr morgens in unserem Isuzu Pick-Up Truck auf und frühstückten auf dem Weg meist Dosai mit Chai. Nach ca. 2 Stunden Autofahrt kamen wir am ersten Dorf an. Wir besuchten zwei Dörfer täglich. Der einzige Haken an der netten Vorstellung gemütlich mit dem Auto zu fahren ist, dass die Rückbank nicht nur mit drei sportlichen jungen Männern besetzt war, was schon so eng war, sondern der zuständige Koordinator sich ebenfalls dazu quetschte. Diese Autofahrten waren somit eine verkrampfte, schwitzige Kuschelsession. Dies hat rückblickend natürlich auch sein Flair, aber in der Situation selbst war es weniger entspannt. Hatten wir dann die Fahrt durch die „straßenähnlichen Schlagkrater Akkumulationen“ geschafft, fing die richtige Arbeit an. Im Optimalfall hatten die Dorfbewohner bereits die alte Wasserpumpe aus dem Bohrloch entfernt und wir konnten direkt damit anfangen, das Solarpanelgestell aufzubauen und die neue Wasserpumpe vorzubereiten. Die alten Wasserpumpen waren in einem sehr schlechten Zustand, sehr oft gerostet. Diese Pumpen benötigen Wechselstrom, der in der Regel aus dem in Indien sehr instabilen Netz genommen wird, somit fallen die Pumpen häufig aus und die Wasserversorgung ist nicht gewährleistet. Die Idee von diesem Projekt ist, die alten Pumpen zu entfernen und durch neue Pumpen mit mehr Leistung zu ersetzten. Diese werden dann an Gleichstrom angeschlossen, der von 6 Solar Panels erzeugt wird, somit ist die Stromversorgung unabhängig vom öffentlichen Netz und eine sicherere Wasserversorgung ist gewährleistet. Ein Problem, das dennoch mehr als einmal auftauchte war, dass die Gleichstrompumpe noch während unserer Anwesenheit mit einem Verlängerungskabel an eine Hochspannungsleitung angebracht wurde. Unsere Erklärungsversuche scheiterten. Es war sehr schwer zu vermitteln, dass ein verlässliches Gleichstromsystem besser funktioniert als ein durch Netzwerkschwankungen beeinflusstes Wechselstromsystem. Hierbei kann man zwar nur tagsüber Wasser hochpumpen, dennoch ist es Long-Term zuverlässiger. Nachdem wir die Dörfer verließen wurden, trotz aller Erklärungen die Gleichstrompumpen einfach an das Wechselstromnetz mit hohen Schwankungen per Haken angeschlossen. Das hat mich fast ein wenig geärgert. Da ich weder Tamil noch Telugu spreche konnte ich selbst den Dorfbewohnern die Zusammenhänge nicht erklären wodurch ich mich teilweise hilflos gefühlt habe. Letztendlich müsste man viel mehr am technischen Verständnis der Bevölkerung arbeiten, damit solche Projekte angenommen und gut umgesetzt werden können.  Das ist harte Lebensrealität in der NGO Arbeit.

    Dieses Beispiel zeigt einen Punkt mit dem ich hier seit Ankunft kämpfe. Dem Prinzip, dass solange es im Jetzt funktioniert, es gut ist, es wird häufig das Langfristige nicht bedacht, dass sich ein Mehraufwand lohnt um zukünftig von etwas profitieren zu können. Ein großes Problem zeigt sich gerade  auch hier in der Korruption. Staatliche Gelder, die für den Erhalt und Ausbau von Straßen, der Stromversorgung und vieles anderes mehr bereitgestellt werden, werden nicht dafür verwendet, sondern zweckentfremdet eingesetzt. Trotz alle dem habe ich Indien als sehr fortschrittlich erlebt, was die erneuerbaren Energien und die Infrastruktur betrifft, selbst wenn die Ausführung oft zu wünschen übrig lässt.

    Von einer politischen Herausforderung zu einer persönlichen. Für mich gestaltet sich das Essen hier in Indien sehr schwer. Vor Allem auf meinen arbeitsintensiven und sonnenreichen Projekten außerhalb Aurovilles hatte ich oft Lebensmittelvergiftungen, Durchfälle und Erbrechen.  Wenn man nicht gut genug aufpasst verliert man übers Schwitzen zu viel Wasser und Salz, dazu kommt die intensive Sonneinstrahlung, dann scheint die kleinste Unreinheit im Essen zu reichen, so dass der Körper alles auskotzt. Wenn ich in sehr abgelegenen, ländlichen Gebieten gearbeitet habe, war es schwierig Essen zu finden, was ich gut vertragen habe, da es zumeist in sehr altem Fett zubereitet wurde und teilweise auch durch Kohle verunreinigt war. Ich lernte mich Mit Kekesen, Rieswaffeln und Müsliriegel aus einem der „Supermärkte“ (Aple Store) einzudecken um über die Runden zu kommen. Vor einer Woche wurden nach mehreren Tagen massiver Magen Darm Probleme bei mir Amöben diagnostiziert Und wurde mit einem Antibiotikum behandelt. Amöben sind Kleinstlebewesen, die auf meist ungewaschenem Obst und Gemüse wohnen. Isst man also nicht gekochtes/gebratenes Obst, Gemüse oder Salat in einem Restaurant, welches seine Lebensmittel nicht sorgfältig genug wäscht, kann man sich sehr schnell diese kleinen Tierchen einfangen. Somit gilt die alte Regel: Cook it, Peel it, Wash it. Ebenfalls ist es ratsam nur Mahlzeiten zu sich zu nehmen, von denen man weiß, dass sie in ihrer Herstellung einmal erhitzt wurden, ein Beispiel dafür wäre Fried Rice. Das sind die leinen Fallen in Indien und möchte mich darüber aber nicht beklagen, wenn man sich das Leben hier gut sortiert ist es super, trotz Lebensmittelvergiftung. Sehr zu empfehlen sind die Beaches. Tagsüber vor Allem der Tantos Beach oder auch Shri Ma Beach sowie der Quiet Beach. Ebenfalls sollte man mindestens einmal gesurft sein. Ich habe damit erst recht spät angefangen, weiß aber von meinen Kollegen Jasper und Jonas, dass man sehr schnell Fortschritte machen kann. Ich persönlich habe mich auf Kalariepayattu konzentriert. Dies ist ein Kampfsport aus der Region des heutigen Kerala und fokussiert sich auf den Kampf mit Waffen. Dennoch braucht man erst eine hohe körperliche Fitness, bevor man an die Waffen gelassen wird. In den ersten paar Monaten sehr hartes Kraft und Beweglichkeitstraining. Es beinhaltet viele Elemente des Yogas und Kicks. Für mich ist die Intensität und der Meditative Aspekt der Trainings was mich jeden Tag dort hinzieht.

    Zuletzt kann ich noch als letztes Update geben, dass meine Prototypen in Sunlit angekommen sind. Dominik und ich mussten an ihnen nochmals einen Nachmittag nacharbeiten (es entsprach nicht unserem Qualitätsanspruch), um ihre Funktionsfähigkeit sicherzustellen. Die Tests verliefen wie erhofft und nun bin ich im Gespräch mit mehreren Herstellern, um sie weiter zu vermarkten. Jetzt muss ich mich mit Material und Arbeitskosten, Lieferketten und Sprachbarrieren auseinandersetzen. Ich bin dennoch zuversichtlich, dass es weiterhin gut verläuft. Ich werde in ein paar Monaten nochmal ein Update geben und bei erfolgreicher Beendigung einen extra Bericht über dieses Projekt schreiben.

    Ciao


  2. Erste Eindrücke und mein Projekt

    Februar 10, 2023 by Bastian Metzler

    Nachdem uns aus dem Flieger steigend eine angenehme Schwüle, vermischt mit den Gerüchen der Stadt, entgegenschlug und unsere Visa akzeptiert wurden, die Sicherheitschecks mit vielen unbeachteten roten Lichtern sowie lautem Piepen bestanden und Bergung unserer Koffer am Band geschafft war, bewegte sich unsere Traube an Menschen auf den Ausgang des Chennai Airports zu. Die Schiebetüren öffneten sich und wir blickten in ein Meer aus lächelnden, schlafenden und wartenden Gesichtern. Dazwischen konnte man immer wieder ein paar Schilder mit Namen wie Vishnu, Kumar, Vignesh, aber auch dem einen oder anderen Mr. Adam entdecken. Das Schild, das wir dennoch suchten, wurde von einem Mann mittleren Alters mit breitem Lächeln gehalten. „Weltwärts“ konnte ich gerade noch erhaschen, bevor er das Schild in einer schnellen Bewegung faltete und in seine Hosentasche steckte. Die Koffer und Rucksäcke wurden in einen klapprigen Bus mit blau und lila Deckenbeleuchtung gehievt und los gings. Ein Detail, das mir bis jetzt noch im Kopf ist, war der Sitz dieses Busses. Das Polster hatte einen Farbverlauf, auf das ich mich ungern niederlassen wollte. Eine Wahl blieb mir aber nicht und ich dachte mir, dass ich nicht so empfindlich sein sollte. Es war tatsächlich der schlechteste Sitzt den ich jemals „besaß“. Dennoch verfiel ich sehr schnell in einen Zustand des Halbschlafs. Dieser wurde von einem Halt 20 km vor Auroville, am ersten der unzähligen „Tee-Imbissbuden-Hier bekommst du fast alles-Shops“ die ich in den nächsten Monaten besuchen würde, unterbrochen. Die Situation kann wie Folgt beschrieben werden: Es war ca. 4 Uhr morgens. Am Stand roch es nach Straße, drei Straßenhunde teilten sich die Aufmerksamkeit unserer Weltwärtsgruppe und am Tee Stand selbst standen vier Männer, die im tamilischen Gespräch unsere Gruppe musterte und ihren Tee schlürften. Uns wurde von unserem Taxifahrer auch ein Tee angeboten, den wir mit voller Vorfreude auf „echten“, indischen Tee annahmen. Das erste Learning, das ich somit aus meinem Indienaufenthalt mitnahm war, dass Tee in Südindien mehr eine Süßigkeit als ein Tee nach europäischem Konzept ist. Der Tee war an sich sehr lecker aber bestand größtenteils aus verbrannter Milch und Zucker. Alles in allem aber lecker. Man sollte aber auch hinzufügen, dass das Phänomen der leicht verbrannten Milch überall in Indien zum Tee oder Kaffee, mit Ausnahme von Barista-Cafes, gehört. Generell wird hier Kaffee und Tee anders zubereitet als in unseren Kulturkreisen. Während des ersten großen Auftrags mit Sunlit an der Kalasalingam Private University wurde uns als Kaffee ein Pot heißer Milch und auflösbares Kaffee-Pulver morgens und abends angeboten. Dieser Kaffee war etwas gewöhnungsbedürftig, aber erfüllte seinen Zweck mich nach der Nacht auf harten Matratzen und konstantem Schwitzen wieder in einen funktionalen Zustand zu bringen.

    In meinem Projekt Sunlit Future wurde ich sehr schnell ins Installationsteam aufgenommen. Hier war meine Aufgabe mit meinem Kollegen Nirmal Troubleshooting von Invertern zu machen, mit Sasta kleinere Solarsysteme in Auroville aufzubauen und mit Santhosh und seiner Crew etwas größere Systeme in Pondicherry und Umgebung zu installieren. Dazwischen ging ich mehrmals mit Vignesh, Nirmal und Gotham auf große Projekte in Kalasalingam. Die Durchschnittsgröße der Projekte lag bei 300-400 Panels. Vor allem im September war es sehr hart, bei 38 Grad und einem UV-Index von 11 auf einem Dach, mit Cap und Sonnenbrille bewaffnet, körperliche Arbeit zu vollbringen. Das führte auch dazu, dass ich einen sehr ausgprägten T-Shirt Rand bekam, welcher von den anderen Freiwillgen immer wieder neidisch „abgecheckt“ wird. Einer der heißesten Momente war, als ich mir an einem durch die Sonne aufgeheizten Metallstück die Fingerspitzen verbrannte. Dies passierte mir danach mehrmals, aber mit der Zeit gewöhnten sich meine Hände daran und mittlerweile hat sich eine gut schützende Hornhaut gebildet. Ich ging während der heißen Tage an meine körperlichen und mentalen Grenzen. Dies ließ mich auch öfter innehalten, weil mir bewusst wurde, dass dies meine Kollegen schon teilweise seit mehreren Jahrzehnten tagtäglich machten; was für ein Knochenjob. Auch musste ich immer wieder feststellen, dass Arbeitssicherheit und Arbeitnehmerschutz nicht bei Weitem so gut sind wie in Deutschland.

    Nach 3 Monaten körperlichen Arbeit entschied ich mich auch in einen weiteren Komplex des Unternehmens hineinschauen zu wollen, die Planung. Also wechselte ich von der Baustelle ins Büro. Der Kontakt mit Dominik, einem Freiwilligen aus Österreich, stellte sich hier als hilfreich heraus. Er bot im Rahmen seines Volunteer-Projekts einen 3D-Design Kurs anbot. Da ich schon davor mit Vignesh über eine Alternative für sehr teure, aus Europa importierte, Bauteile nachgedacht hatte, kam mir das sehr gelegen. Nach Beendigung der Weiterbildung konnte ich selbst die benötigten Teile entwerfen, die somit in Indien produziert werden können, was die Bauteile erheblich billiger machen. Zum jetzigen Zeitpunkt bin ich immer noch in der Entwicklung tätig, wobei ein Prototyp gerade hergestellt wird und in ein paar Tage geliefert werden sollte. Durch diese Planungsarbeit, die im Büro stattfindet, habe ich die anderen Kolleg*innen kennengelernt. Ich kann mich nun mit ihnen austauschen, was ich als sehr bereichernd empfinde. Jetzt bin ich auch mehrere Tage am Stück in Auroville , was in den ersten zwei Monaten nicht der Fall war, aber dazu beiträgt, dass ich mich „zu Hause“ fühle. In Zukunft möchte ich eine gute Balance zwischen Installation und Office finden.