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  1. Wizard zu zweit

    Juni 25, 2018 by Nina

    Ziel: Kerala, Transportmittel: Bus, Personen: 2, Wettervorhersage: Monsun, Datum: 15-24.06.2018

    Wasserfall im unbekannten Hinterland

    Es gab im Vorhinein eine Erkenntniskette, an dessen glorreichen Ende die Vermutung stand, dass dieser Urlaub in ganz viel Regenwasser ertrinken würde. Am Anfang der erwähnten Kette, stellten Daniel und ich zufällig während der Planung fest, dass im Juni der Sommermonsun in Kerala in Form von Dauerregen sein Unwesen treibt. Kurz darauf stand ich vor meinen verbliebenen Besitztümern und fragte mich, warum genau ich meinen Eltern Regenjacke und -hose mit nach Deutschland gegeben hatte. Ein weiterer Grund, meine Intelligenz in Zweifel zu ziehen, war das ungeklärte Verschwinden meiner Socken, die vielleicht für das Tragen meiner geschlossenen Schuhe hilfreich gewesen wären.

    Unter diesen fröhlichen Vorzeichen begannen wir die Reise mit dem komfortablen AC-Sleeper-Bus nach Kochi. Während die Welt vor unserem großen Fenster vorbei zog, schliefen wir den unruhigen Schlaf der Nachtreisenden. Das schlaftrunkene Aussteigen nach dem wiederholten Hinweis „Last Stop“ und eine Tucktuck-Fahrt brachten uns am nächsten Tag mitten hinein in das sonnige Kochi. Die bürgerliche und westlich orientierte Touristenstadt empfing uns mit so viel fröhlichem Sonnenschein, dass die Regenschirme der Inder zu Sonnenschirmen wurden und das routinierte Abschreiten der Sehenswürdigkeiten (Palace, chinesische Fischernetze, Fort…) zu einer Rotfärbung einiger Hautpartien führte (Natürlich hatte ich beschlossen, die Sonnencreme nicht in den Monsun mitzuschleppen.) Am zweiten Tag brachen wir nach dem erfolgreichen Erwerb einer  Sonnencreme und einigen Umwegen der indischen Art mit dem Leihmotorrad auf, um einen Wasserfall zu besichtigen, den niemand zu kennen schien, den wir aber dennoch mit einigen indischen Touristen teilten.

    bergiger Zimmerblick

    Die Reise nach Munnar, welche übrigens eine sehr hässliche Stadt ist, gestaltete sich durch einen Busse-blockierenden Streik ungeklärten Grundes als schwieriger als gedacht. In der wunderschönen Landschaft der bewaldeten und bewohnten Berge, die manchmal Teeplantagen Hüte und Gewänder tragen, fror ich mir als verweichlichtes Geschöpf des tamilischen Flachlandes den Arsch ab. Gott sei Dank, stellte das Homestay bunte Hello-Kitty-Decken aus einem Vorrat unbekannter Größe bereit, unter die wir uns des Nachts flüchten konnten. Da wir nicht bereit waren für eine Jeep Safari nur „2000 rupees for 3 hours“ auszugeben, stapften wir ein wenig nach guter deutscher Rentnermanier über einen Umweg in das 20 min entfernte Dorfzentrum, gestatten uns Kaffee und Kuchen und gingen den Spaziergang in den entmutigenden Monsunschauern zurück zum Zimmer.

    Backwaters in Regenpause

    Unsere höchstdurchdachte Reiseroute führte uns als nächstes mit dem Bus (über Kochi) nach Allepey, das für die Backwaters bekannt ist, die laut dem Lonely Planet die zweit schönste Sehenswürdigkeit Indiens sind. Die Stadt, in der wir trockenen Fußes nach Essen gesucht hatten, beschloss uns eine nächtliche regendurchnässte Abenteuerreise mit Tucktuck und zu Fuß zum freundlichen aber mit reichlich Monsun-mief gestraften Homestay zu gewähren. Der Monsun, der uns nun doch vollständig eingeholt hatte, verführte uns zu einer gemütlichen Rundfahrt auf einem mit Dach und gemütlichen Sitzgelegenheiten ausgerüsteten Boot, das über die als privates Badezimmer und Spülmaschine genutzten Backwaters trieb.

    Staussee im Tigerreservat

    Die letzte Station unseres einwöchigen Regenspaziergangs durch Kerala bildete Kumily mit dem Periar Nationalpark und Tigerreservat in der Nachbarschaft. Da wir durch die Backwaters auf den Geschmack von Wasser von unten statt von oben gekommen waren, schipperten wir zunächst auf einem Dampferchen voller Touris über den See im Nationalpark. Während dieser 1,5 stündigen Fahrt, konnte die Gattung Mensch an Bord in viel eindrucksvollerer Art als die vereinzelten als braune Punkte auszumachenden Wildtiere am Ufer beobachtet werden. Um doch noch die Natur erleben zu können, entschlossen wir bei überraschend trockenem Wetter (Ja, du hast es voraus gesagt, Daniel!) mit einem Guide auf zu brechen, den Dschungel zu erwandern, gegen eine Armee aus hungrigen Blutegeln zu kämpfen. Diese als kleine Alien getarnten Vampire versuchten, während wir unschuldig in der Schönheit des wilden Waldes herumstolperten, an unseren Beinen empor zu klettern, um an unsere ungeschützte verletzliche Haut zu gelangen.

    Nach einer weiteren Nachtfahrt zurück im warmen Auroville stopfte ich die feuchten, dreckigen und stinkenden Klamotten in die Waschmaschine und dachte, dass es schlechtere Ideen gibt, als im Monsun durch Kerala zu wandeln.


  2. Stille Nacht

    April 19, 2018 by Nina

    (Leben in Discipline)

    Schlafen im Schatten des Geckos

    Was war mein größter Irrtum ante-weltwärts über das Leben in Indien? Hatte mein unschuldiges, unbescholtenes und hinterwäldlerisches Selbst nicht mit dem Müll, den Stromausfällen, der Armut, der Wärme, der Sonne, den Kühen, der indischen Mentalität oder dem scharfen Essen gerechnet? Nein, die Vorbereitungsseminare ließen keinen dieser Fakten unerwähnt. Jedoch hatte ich irgendwie die ziemlich abwegige Illusion, dass sich in den dunklen Stunden eine friedliche Stille über das ländliche Indien legen würde. Ähm, ich kann nur sagen: Nein.

    Kitchen-Aid

    Dieser Fakt fiel mir wieder ein, als ich eine übernächtigte Besucherin morgens in der Küche traf, die ihr Jetlag auf Grund von erhöhter Lärmbelastung der Naturklänge nicht ausschlafen konnte. Hoffentlich konnte die bezaubernde Gesellschaft (gerade leben Jasper, Jola und ich in den Kapseln in Discipline), die idyllische Lage (im wuchernden Grün der biologischen Farm), das bunte, erstaunende und schöne Drumherum und unser Zuhause unseren kritischen Gast ausreichend entschädigen.

    Als die Gottesanbeterin in meine heiligen Hallen pilgerte

    Vor allem die Küche ist als der WG-Verkehrsknotenpunkt eine Sehenswürdigkeit an sich. Als Inventar befinden sich ein gelber Küchentisch mit ausgeblichenem rot-orangen Muster inklusive Bank und Hocker, eine auf dem bodenliegende sofaähnliche Ansammlung von Polstern, als Lebensmittelaufbewahrungsorte Schrank, Regal und Kühlschrank (in absteigender Ameisensicherheit geordnet) und neben den üblichen Kücheneinrichtungen (Herd & Spüle) noch eine kleine Bibliothek. Für eine regelmäßige Körperwässerung steht das Bad eine Tür weiter zur Verfügung und bezaubert durch eine geräumige Dusche, die aber aktuell auf Grund von limitierten Dusch-Armaturen nicht in voller Gänze genossen werden kann. In diese beiden heimeligen und vor allem kühlen Höhlen gelangt man von der sogenannten „Terrasse“, die mit einem riesigen gelben Tisch mit aufgemalten Spielfeldern ausgestattet ist, dessen Nutzung selten ist und, wenn vorhanden, eher einer Liegefläche gleicht.

    Happy Family

    Für die oben genannten feinen Schönheiten ist der gemeine Tourist aber meist eher blind. Die besuchenden Familien und Freunde steuern meist zielgerichtet auf die Hauptattraktion zu: die Komposttoilette! *Hust*

    Mehr als störend werden dabei die im Weg stehenden Kapseln, aus Naturmaterialien gebaute Stelzenhäuser (Nein, keine Baumhäuser!), wahrgenommen. Diese drei unterschiedlich großen und luxuriösen Behausungen wurden dieses Jahr durchgängig von drei oder vier Weltwärtslern bewohnt. Seit mehr als vier Monaten genieße ich meinen Blick auf Indien von der obersten Treppenstufe der größten Kapsel. Bin Gast bei den vorbeihuschenden Tieren. Wische Sägemehl von meinen Besitztümern. Schlafe mit Grillenzirpen ein, um von Tempelmusik und Streifenhörnchen geweckt zu werden.


  3. 9 Nächte

    Februar 7, 2018 by Nina

    (6 im Zug, 2 in Städten, 1 in der Wüste)

    Wen würde ich, wenn ich mich entscheiden müsste lieber heiraten: einen Inder oder einen Deutschen? Diese Frage hatte ich mir, ehrlich gesagt, noch nie so gestellt. Und doch tauchte sie am zweiten Tag der Reise auf, die Mira und ich nach Rajasthan unternahmen. Gestellt wurde diese Frage von einem tamilischen College Studenten, dessen Namen ich mir leider nicht merken konnte und den wir zusammen mit 6 seiner Kommilitonen auf unserer 38-stündigen Hinfahrt im Zug kennenlernten. Zugegebenermaßen war mir zunächst etwas mulmig zumute, als mir klar wurde, dass ich auf der ersten nächtlichen Zugfahrt meines Lebens das Abteil mit 7 fremden jungen Indern teilen würde. Jegliche Vorbehalte schwanden aber, da wir nach allen Regeln der Kunst mit ihren mitgebrachten Speisen gemästet wurden, sie verkündeten uns Tamil beibringen zu wollen, ein paar Augen über die Bettkante lugten, um mir zu versichern, dass bei „any problems at night“ ich nur zu rufen brauchte, und am Ende nicht nur die unvermeidliche Selfie-Time, sondern auch kunstvoller deutscher und tamilischer Gesang stand.

    Diese für indische Verhältnisse nicht wirklich ungewöhnliche Begegnung sollte während der zehntägigen Reise keine Ausnahme bleiben. Denn nachdem wir im deutschen Stechschritt in zwei Tagen (fast) alle Touristenattraktionen in Jaipur abgeklappert hatten, stand die nächste Nacht im Zug auf dem Weg nach Jaisalmer an. Von der „Pink City“, wie Jaipur auch genannt wird, waren wir ziemlich erschöpft, weil jegliches Schlendern über die Straßen zwischen den Tourismus-Hotspots von allzu aufdringlichen Tuktuk-Fahrern, Geschäftseigentümern und der hohen Luftverschmutzung verleidet wurde.

    Als wir daher müde auf unserer Sitzbank im Zug hingen, stellten wir überrascht fest, dass im Nachbarabteil des Sleeper-Class-Waggons sich noch ein weiteres weißes weibliches Wesen befand. Wie wir später feststellten war die mutige Reisende eine polnische Ärztin, die alleine und ohne großen Plan durch Indien reist, und auch auf dem Weg nach Jaisalmer war. Im Gegensatz zu uns traute sie sich während eines Halts unabsehbarer Länge aus dem Zug, um Essen am Bahnsteig zu kaufen. Unsere hungrigen Blicke waren scheinbar nicht so unauffällig wie wir dachten, denn sie teilte ihre Portion mit uns und ging dann, kurz bevor der Zug losfuhr, Nachschub besorgen. Aber auch für sie zahlte sich die Begegnung aus, denn als nach einer kurzen durchfrorenen Nacht der Zug tatsächlich mit einer halben Stunde Verspätung pünktlich um 5:20 am am Zielbahnhof ankam, hätte sie ohne uns als lebendige Wecker noch selig geschlafen. Als langsam die Sonne immer mehr und mehr von der architektonischen Schönheit und der müllüberzogenen Hässlichkeit Jaisalmers enthüllte, war unsere Laune kältebedingt leider nahe des Gefrierpunkts angelangt. Mit dem frühmorgendlichen Einchecken ins Hotel, einem leckeren Frühstück und dem darauffolgenden Besuch eines Desert-Festivals (Wusstet ihr, dass es Kamel-Polo gibt?) waren wir aber bald wieder guter Dinge.

    Für die nächste Nacht im Zug waren wir mit einer zusätzlichen Decke und mit deutlich entspannterer und positiverer Stimmung bewaffnet. Außerdem gingen wir an diesem Tag nicht alleine zum Bahnhof, da wir auf der Kamel-Safari in der Wüste hinter Jaisalmer (unter anderem) einen Nord-Ost-Inder kennen gelernt hatten, der auch unser Zuggefährte werden sollte. Der Kamelritt während der Safari war für mich wie Pony-Reiten in der Wüste. Sehr, sehr große Ponys. Und erstaunlich gut erzogene. Der vorbildlich organisierte Ausflug beinhaltete aber nicht nur den erwähnten Ritt auf einem Kamel sondern auch das Übernachten unter freiem Himmel in der Wüste. Neben einer besonders schönen Düne wurde unser Lager aufgeschlagen und es war ein fast perfekter Tag mit einem wunderschönen Sonnenuntergang, einer folgenden Mondfinsternis, während der sich unzählige Sterne neben dem Blutmond hervortrauten, und schließlich einem beeindruckenden Vollmond, der mit seiner Strahlkraft der Sonne versuchte Konkurrenz zu machen. Seien wir ehrlich: In der Wüste hat der Mond da keine Chance, aber es war ein guter Versuch.

    Nach einem Tag in Jaipur, den wir unmotiviert die meiste Zeit in unserem ehemaligen Hotel verbrachten, traten wir schon wieder die Rückreise Richtung Auroville an, um im Zug sofort vom indischen Klischee umzingelt zu werden: Eine Großfamilie mit einem unangefochtenen Hahn im Korb, einer fürsorglichen Mutter, zwei mitreisenden Tanten, einer rebellierenden Tochter und einem kleinen Sohn. Da auch diese Mitreisenden uns nicht verhungern ließen, steht fest,dass auch bei allen Unterschieden zwischen Rajasthan und Tamil Nadu (Sprache, Essen, Architektur, Menschen, Kühe) Indien mehr zusammen hält als nur „Faulheit und Chaos“.

    Nach diesem fulminanten Abschluss unserer Reise bleibt nur noch eine Frage: Wen würde ich lieber heiraten: einen Deutschen oder einen Inder? Muss ich darauf eine Antwort kennen?


  4. Call it Christmas…

    Januar 1, 2018 by Nina

    Unser Weihnachten in Indien ist nun vorbei, erledigt, abgehakt. Langsam ist der Magen von leckeren Speisen nicht mehr dauerbesetzt. Wie gut wir uns geschlagen haben? Dieses Urteil bleibt wohl jedem selbst überlassen. Jedoch gibt es einige Hinweise, die für einen erfolgreichen Abschluss unserer Mission sprechen:

    Hinweis 1: Die Einstimmung auf unsere Mission begann in meinem Fall schon im November mit inbrünstig gesungenen Weihnachtsliedern.

    Hinweis 2: Der Advent begann für drei Celebrator (damals noch in der Auroville Community Celebration lebenden Individuen) mit einem großen Frühstück, mit nach Zimt riechendem „Weihnachtstee“ und einer Kerze.

    Hinweis 3: So viele Plätzchen, die aus einem Ofennotstand heraus in einer Pfanne oder im Holzofen zubereitet wurden, dass einem schlecht davon werden konnte. Oder anders gesagt: eine Schlittenladung Weihnachtsplätzchen in einem indischen Kühlschrank in einem leidlich weihnachtlich  dekorierten Haus.

    Hinweis 4: Die erste Weihnachtsfeier, die es jemals im Sustainable Livelihood Institute, meiner Arbeitsstelle, gegeben hat inklusiv einiger Plätzchen und leckerem Kuchen, einem kitschigen übervollen Plastikweihnachtsbaum, frohlockendem Gesang (3,5 Weihnachtslieder) und erheiterndem Tanz, einem gemeinsamen Abendessen mit meinem Chef und einem Gespräch über europäische Politik.

    Hinweis 5: Der Hinweis aus Deutschland, dass ein Päckchen pünktlich zum 24. Ankommen soll (Kam es nicht).

    Hinweis 6: Ein gemeinsames Potluck unter den Sternen, eine Mahlzeit mit einer Gruppe bei der jeder Essen mitbringt (meist nur Chips und Kekse), der dies jährigen 10. Weltwärts-Generation, bei welchem natürlich aus Faulheitsgründen nicht gewichtelt wurde, es aber einen Christbaum gab. (Ich hätte bei „Wer bin ich?“ „Fritzchen aus den Witzen“ wirklich nie erraten.)

    Hinweis 7: Ein Telefonat nach Hause und das Versprechen auf eine baldige Wiederholung.

    Hinweis 8: In einem Kleinbus nach Pondicherry zu fahren, um dort eine Christmette im indischen Stil zu erleben. Indischer Stil: Live-Übertragung der Messe in „Lourdes TV“ (oder so ähnlich) mit einem ständig durchlaufenden Werbe-Schriftband, ganz vielen auf dem Boden sitzenden in farbenfrohe Festkleidung gehüllten Indern, einem lebensgroße Jesus-Kind-Puppe, die ihren Weg durch die Kirche auf den Händen der hohen Geistlichen antritt, während über ihr ein leuchtender Stern gezogen und Silent Night gespielt wird und schließlich von zwei als Engel verkleideten Mädchen in die Krippe gelegt wird.

    Hinweis 9: Zum Brunch/Mittagessen des folgenden Tages wurden selbstgemachter Rotkohl, Kartoffelklöße (ja, ohne Fleisch und Soße) und gekaufter Kuchen verspeist.

    Hinweis 10: Wenn sich bei dem vollen Italiener Tanto spontan am Abend des ersten Weihnachtstags eine große Weltwärtsler Gruppe bildet.

    Na, wie lautet dein Urteil?


  5. Gott: „Du schon wieder?“

    Oktober 23, 2017 by Nina

    Wir sitzen in einer Holzbank ganz hinten in der gotischen Kirche. Vorne hängt Jesus am Kreuz und die Wände sind mit Darstellungen des Leidenswegs geschmückt. Die Messe ist in vollem Gange, der Pastor steht am Altar, die Hände gehoben. Diese Situation habe ich schon recht häufig erlebt, doch dieses Mal ist etwas anders. Ich bin in Indien.

    Es würde an dieser Stelle zu weit führen zu erklären, wie es 4 (Daniel, Said, Mira und ich) vollkommen ungläubige deutsche Weltwärtsler an einem Sonntagnachmittag in die Basilica of the Sacred Heart of Jesus in Pondicherry verschlagen hat. Während wir hier sind, komme ich, eine ehemalige Schülerin eines von einem katholischen Orden getragenen Gymnasiums, nicht darum herum die Messen zu vergleichen.

    Natürlich würde ich gerne eine tiefgreifende Analyse der Unterschiede zwischen den Themen und Arten der Predigt durchführen, aber dies wird vom Soundsystem der indischen Kirche wirkungsvoll verhindert. Während der einstündigen Messe verstehe ich einige Schlagwörter: „one god… strength… success … India…China …. Pondicherry … brothers and sisters…“. Außerdem bin ich mir ziemlich sicher, dass sowohl das Glaubensbekenntnis als auch das Vater unser (natürlich in Englisch) gesprochen wird. Bei den Fürbitten bin ich zunächst etwas erstaunt über die gegebene Antwort „Choose us before others“, bis mir auffällt, dass ich mich verhört hatte und sie sehr christlich „Choose us for [your] offers“ baten. Bei der musikalischen Begleitung des Gottesdienstes, war ich ein wenig enttäuscht. Ich hatte in Indien, im Land des Tanzes und der Musik, herausragende musikalische Begleitung erwartet. Jedoch weit gefehlt. Zwar war der Gesang aus den Boxen außer mit Klavier auch mit Schlagzeug begleitet, das Engagement beim Mitsingen ließ sich  aber mit meinen ehemaligen Mitschülern durchaus vergleichen. Soviel zum Inhalt…

    Im Gegensatz zu meinem letzten Gottesdienst bei meiner Abientlassfeier gibt es in dieser Kirche tatsächlich Ventilatoren, um die durch zu viele Besucher hervorgerufene stickige Luft zu vertreiben. Auch die Türen stehen buchstäblich jeder Zeit offen. Die fünf Minuten, die ich bei meinem letzten Gottesdienst zu spät war, waren nichts im Vergleich zu einigen Indern, die vereinzelt mitten im Geschehen kommen und gehen.

    Wir sitzen unter einem schlichten Engel mit weißem Gewand, blauem Umhang und goldenen Flügeln. Ähnliche Engel lächeln gütig beim Altar. Hinter dem Altar hängt nicht schlicht ein Kreuz mit dem leidenden Jesus, sondern es ist eher ein riesiger „Schrein“ mit dem Allerheiligsten (da wo die Hostien drin sind), einem kleineren Kreuz und darüber eine große Jesus-Statue inklusive Heiligenschein, Krone und Dach über dem Kopf. Meine Beschreibung entbehrt leider der ganzen Schnörkel und Lichter, die aus einer deutschen Vorstellung eine indische machen. In der ganzen Kirche gab es allerdings trotz vieler ausladender Kerzenständer und (vollkommen verstaubter) Kronleuchter genau zwei echte Kerzen vorne beim Altar, sodass meine Idee eine Gedenkkerze zu entzünden nur das blieb, eine Idee.

    Als wir schließlich Weihwasser-beträufelt die Basilica of the Sacred Heart of Jesus verlassen, die natürlich nicht den beiden bekannten Pariser Kirchen nach empfunden ist (der einen im Namen und der anderen im Aussehen), dämmert es schon und die über den Kirchplatz verteilten Essensverkäufer haben deutlich mehr Kundschaft, da sich die Gläubigen für die tamilische Messe beginnen zu sammeln. Wir sehen die nun erleuchtete Fassade und das neonrot leuchtende Kreuz an der Spitze, bevor wir uns abwenden und den Marsch zum Bus-Main-Station antreten.