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  1. Wie man einen Ofen baut

    13. November 2016 von Theodor Sperling

    Wie man einen Ofen baut

    Wie ich nun nicht gerade zum ersten Mal feststelle, gibt es hier in Indien teilweise etwas anderen Sitten und Bräuche als daheim in Deutschland. Neben den bereits genannten möchte ich hier besonders auf die Kochgewohnheiten eingehen. Die indische Küche kennt zwar eine schier unerschöpfliche Vielfalt an Gewürzen, aber bei der Art der Zubereitung ist sie sehr monoton. Gekocht, gebraten oder frittiert. Bei all diesen Methoden ist ein Ofen überflüssig. Und was überflüssig ist, steht nicht in unserer Küche. Ich koche nun aber gerne vielfältig, und Ofengemüse, Brot, Pizza, Kuchen und Plätzchen machen sich ohne Ofen schlecht. Ein Ofen musste daher also her. Nachdem die klassischen Modelle ausgeschieden waren (Elektro → Solarstrom, Gas → Flaschengas), blieb nur ein Steinofen. Zwar hatte ich so etwas noch nie gebaut, aber so ein Freiwilligenjahr soll ja auch zum Ausprobieren von Neuem dienen. Ziegelsteine lagen viele auf Discipline herum und als Lehmersatz konnte die hiesige Roterde dienen. Die Fundamente auszuheben schien erst einmal sehr einfach.

    Der Unterbau

    Vier Löcher a 40×40 cm und ca. 20 cm tief, das sollte nicht allzu lange dauern. Womit ich nicht gerechnet hatte, war die Härte des Bodens. Hammer und Meißel wären hier eher angebracht gewesen als die Grabschaufel, mit der ich es versuchte. Um kein Steinmetz werden zu müssen, sollte der Boden vor dem Arbeiten daher eingeweicht werden. Dies passiert am besten auch schon am Abend vor dem Arbeiten mit reichlich stehendem Wasser. Als Fundamente kamen dann Zielsteine um einen Kern aus Roterde-Kies-Asche Gemisch zum Einsatz.

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    Darauf kann man Bauen!

    Darauf mauerte ich die vier tragenden Säulen, auf die oben eine Betondrahtgeflecht-Platte kam. Um die Füße gegen Verschiebungen zu sichern und die Platte abzustützen, kamen noch Leisten zwischen die Füße. Da der Monsun immer näher rückte, musste ich zunehmend unter Zeitdruck arbeiten und fing in jeder freien Minute an, am Ofen zu werkeln. Auf die Platte kam dann ein Pflaster aus Ziegeln, die von oben mit Roterde verputzt wurden.

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    Darauf kann man einen Ofen bauen

    Der Ofen

    Auf die getrocknete Grundplatte mauerte ich danach den eigentlichen Ofen. Dieser besteht aus drei Abschnitten. Ganz unten ist ein Abschnitt, in dem sich die Asche sammeln kann und durch den die Luft in den darüber liegenden Abschnitt mit dem Feuer strömen kann. Ganz oben ist die eigentliche Ofenkammer, die vollständig vom Feuer getrennt und aus Blech geformt ist. Die Abschnitte sind durch Bewährungsstähle bzw. Bewährungsstähle und Blech voneinander getrennt. Hinter der Ofenkammer ist noch ein Abzugsbereich. Bei den Blechen hat mir Frank maßgeblich geholfen. Es war auch seine Idee, überhaupt Bleche zu verwenden. Um das Blech der Ofenkammer herum mauerte ich noch einen schönen Bogen und verputze die Innenwände der Brennkammer.

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    Da ist das Ziel schon zu erkennen

    Nun konnte der Monsun kommen. Da er dies aber noch nicht tat, überarbeitete ich noch einen großen Teil der Fugen.Am ersten Samstag im November, pünktlich zur Weihnachtsbäckerei, konnten wir den Ofen das erste Mal anschmeißen. Heraus kamen dabei ein sehr leckerer Zuckerkuchen von Bärbel und ein paar Bleche Plätzchen von mir. Die Weihnachtszeit kann nun getrost kommen.

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    Da steht das gute Stück mit provisorischer Tür und dem ersten Ruß


  2. Das Rückkehrerseminar

    26. September 2016 von Kaya

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    Vom 13. bis zum 18. September verbrachten wir, die 8. Generation der AV-Weltwärtsfreiwilligen (aka „die Kuschelgruppe“ und später „die Gruppe der Unfälle“), unser Rückkehrerseminar in dem wunderschön idyllischem und doch sehr verlassenem Örtchen Waldsieversdorf.

     

    Wie unser Weltwärtsjahr noch eine Woche weitergehen, und ein Brandenburger Dorf Auroville ersetzen sollte war den meisten von uns vor dem Seminar noch schleierhaft…

    Die Letzten Wochen hatten uns wieder ein bisschen an das, was man in Deutschland Zivilisation nennt, an Kälte und Supermärkte gewöhnt. Wir alle waren unterschiedliche Wege gegangen, gereist oder dageblieben, waren auf der Suche nach WGs, planten Weltreisen…

    Ich selbst hatte ein bisschen Angst vor dem Wiedersehen. Haben wir uns alle in den vier Wochen verändert? Werden wir je wieder die Weltwärtsler sein, die Auroville unsicher machten?

    Angekommen im Haus in Waldsieversdorf kam das Auroville-Feeling dann aber sehr schnell wieder. Wir lagen uns gleich wieder in den Armen und dann war alles zwischen uns sofort wieder so, als hätten wir Auroville nie verlassen. Selbst die Sonne zeigte ihre Indische Seite und der See der direkt neben dem Haus lag diente mehrmals am Tag als Abkühlung oder auch ganz Sadhana-like als Duschersatz.

    Die Vorbereitungs-Seminare vor einem Jahr waren von Morgens bis Abends voll gefüllt. Dass man auch das Nachbereitungsseminar so intensiv hinbekommt, verdanken wir Muna und Nora, die mit den verschiedenen, interessanten und interaktiven Einheiten schon wieder dafür sorgten, dass wir nachts tatsächlich in unseren Betten lagen.

    Im Rückblick auf Auroville wurden Dinge an- und ausgesprochen, die uns jetzt plötzlich erst in der Reflektion auffielen. Wir werteten unser Jahr mit Stimmungskurven aus, analysierten wie unsere Projekte eigentlich der Entwicklungszusammenarbeit helfen und diskutierten Ungleichheiten in verschiedenen Ländern und Kontinenten mithilfe von Rollenspielen.

    Uns ist allen Bewusst das es hier anders ist. Aber auch das sich unsere Werte und Selbstreflexion geändert haben. Das plötzlich viel mehr möglich scheint. So wurde auch noch lange und immer wieder darüber diskutiert wie man Auroville in das „normale“ Leben hier mitnehmen kann. Wie kann ich simple und glücklich leben? Wo engagiere ich mich am besten? Was bedeutet das vergangene Jahr für mich? Wie ordne ich das Jahr ein, was bedeutet es mir? Was werde ich machen?

     

    Obwohl das jetzt alles vielleicht eher nachdenklich klingt, denke ich doch, dass wir nochmal die schönste Zeit als Gruppe hatten: Wir schauten zusammen Bilder an, lachten Abende hindurch, merkten, dass eine Familie aus Bayern ein viel größerer Kulturschock für uns alle ist als Eine aus Tamil Nadu, wollten keine vegane Bratwurst essen da sie uns zu sehr nach Fleisch schmeckte, gruben den Auroville Garten um, ließen die wirklich immer dramatischen Sharings in Auroville mit all ihren Eigenheiten auf urkomische, originelle Weise noch einmal Aufleben.

    Wir lasen Briefe, die wir vor einem Jahr an uns selbst geschrieben haben, und staunten nicht schlecht wer wir einmal waren und wer wir jetzt sind, schrieben für Freunde Tickets in die Zukunft.

    Alles zwischen uns war so normal dass ich mich an einer Stelle total wunderte plötzlich mit Anneke und Lukas im Ikea zu stehen, denn ich hatte schon wieder vergessen dass wir ja in Deutschland waren und ein aufgeräumtes Ikea (mit zwei anderen Weltwärtslern drin) war für mich total verwunderlich…

    Am Ende galt es nochmal Auszüge aus den Abschluss Berichten vorzulesen die uns zeigten wie Ähnlich wir das Jahr doch alle erlebten. Wir Flochten ein Netz aus Danksagungen und ließen es natürlich total verplant vor Munas „Los!“ los. Aber so sind wir zum Glück.

    Jetzt geht es darum irgendwas anderes anzufangen: Sich arbeitslos melden, Augenoptik zu studieren und /oder die Welt zu bereisen zum Beispiel 🙂

    Ich persönlich bin Froh ein paar Weltwärtsler in meiner Nähe zu haben.

    Mit denen treffe ich mich auch gleich.

    An Alle: Danke für das wunderschöne Jahr und bis bald!

    Kaya & die anderen Pappenheimer

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  3. Interview mit Ribhu und Chandrah von WasteLess

    23. September 2016 von Kaya

    Schon wieder dieses Bild - Zitat Felix

    Hi ihr da draussen, wir (8. Generation) sind alle mehr oder weniger Gut in Deutschland angekommen…

    Letzte Woche war noch einmal ein großes Wiedersehen und das Aufleben des Auroville-Feelings bei unserem Rückkehrerseminar im wunderschön verlassenem Brandenburg…

    Darius und ich (Kaya) hatten vor einiger Zeit am Ende unseres Weltwärtsjahres ein Interview mit unseren Projektleitern Ribhu und Chandrah für die Zeitschrift „D+C“ geführt welches jetzt (auf Englisch) veröffentlicht ist…

    Dabei geht es natürlich um unsere NGO WasteLess aber auch darum, was (Weltwärts-) Freiwillige eigentlich für eine Organisation bedeuten. Viel spaß beim Lesen 🙂

    Hier der Link: http://www.dandc.eu/en/article/leaders-environmental-ngo-india-discuss-their-work-german-weltwarts-volunteers

     

     


  4. Begegnungen mit Mutter Natur

    18. September 2016 von Theodor Sperling

    Begegnungen mit Mutter Natur

    In anderen Ländern gibt es nicht nur andere Sitten, sondern auch manch ein Bereich des täglichen Lebens ist anders organisiert. Und wenn man dann in einen so naturnahen Ort wie Auroville zieht, sind unerwartete Begegnungen mit netten und weniger netten tierischen und pflanzlichen Mitbewohnern kaum zu vermeiden.

    Was kreucht und fleucht

    Die ersten Kontakte dieser Art konnte man bereits beim ersten Toilettenbesuch knüpfen. Dort, hinter dem Bilderrahmen, auf der Dusche oder einfach an der Wand, hingen Frösche von daumengroß bis handtellerklein.

    Wer nach dem Duschen auch noch die Dämmerung unter den Palmen im Garten genießen wollte, der konnte dort intensiven Kontakt mit den summenden Räubern der Dämmerung machen. Aber nicht alle Mitbewohner sind so lästig. Mit ein wenig Glück ist es möglich beim Einschlafen einem Gecko bei der Jagd zuzuschauen oder eine Spinne beim Weben ihres Netzes zu beobachten.

    Geradezu verheerend kann allerdings die Begegnung von Fuß und Skorpion in einem geschlossenen Schuh verlaufen, wenn man vorher nicht nachgeschaut hat, wer es sich in seinem Schuh gemütlich gemacht hat.

    Doch nicht nur Schuhe geben einen gute Wohngelegenheit für manch ein Tier ab. Wie oft schon hat ein bauwilliges Ameisenvolk einen Menschen um seinen liebsten Freund gebracht. Kaum zu sehen, nisten sie sich in den Ritzen zwischen Festplatte und Lüfter, Platinen und Tastatur ein. Ganz klein sind sie und doch können sie einen Rechner in wenigen Stunden restlos zerstören. Wer Glück hat, kann sie noch rechtzeitig vertreiben. Sei es durch schlichtes Aufheizen des Laptops oder durch das Auseinanderbauen und das anschließende Abfegen aller Einzelteile. In diesem Falle sollte man aber gut wissen, was man tut. Um aber gar nicht erst in die Qual dieser Wahlmöglichkeiten zu kommen, empfiehlt es sich, den Rechner in eine Zip-Tüte zu packen.

    Wer trotz all der Gefahren das Abenteuer wagt und in eine bambushüttenartige Kapsel zieht, der wird viele Gelegenheiten haben, Mungos, Streifenhörnchen und Krähen zu beobachten. Auch sei die teilweise besonders gelungene Zucht an Kakerlaken zu erwähnen, die an manch einem Ort gedeiht.

    Neben all den weniger erfreulichen Treffen gibt es aber auch viele schöne Momente. Wenn aus dem Hängestuhl der Blick auf eine Eidechse fällt, die einen, keinen Meter entfernt, erstaunt von seiner Wasserflasche aus beobachtet. Nicht zu vergessen seien auch die unzähligen Insekten, die in allen Farben des Regenbogens erstrahlen und das teilweise auch mitten in der Nacht.

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    Oh, wer schaut einem den da beim Duschen zu?

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    Ein Spielzeug, nur für Katzen und Mungos

    Was wächst und gedeiht

    Doch nicht nur die Tiere sind hier anders beschaffen, auch die Pflanzen haben eine andere Dimension. Da sie hier das ganze Jahr wachsen können, schießen sie nur so in die Höhe. Ein einjähriger Setzling hier könnte so manchem drei- und vierjährigen Baum in Europa das Wasser reichen. Dieser schnelle Wuchs wird auch noch dadurch beschleunigt, dass die Bäume immer Laub tragen und ihre Blätter sukzessive erneuern können.

    Aber auch die enorme Verschwendung der Natur, die man hier beobachten kann, wäre an anderen Standorten nicht vorstellbar. So könnte es sich keine Pflanze in Europa leisten, jedes Jahr einen neuen Stamm aufzubauen, wie es die Bananen tun, oder riesige bunte Blüten zu treiben, die nach einem Tag in sich zusammenfallen, wie es die Hibiskus machen.

    Doch nicht nur die schönen Dinge zieht ein immergrüner Trockenwald an. Wer einmal durch ein Gestrüpp gegangen ist und im Anschluss nicht mehr zu sagen vermochte, ob an seinen Unterschenkeln mehr Haut oder mehr Schrammen zu sehen waren, wird dem zustimmen können. Neben den normalen Dornen gibt es hier auch welche mit Widerhaken, gebogene und welche, die nur in eine Richtung zeigen. Letztere können aus einem Schuh, in den sie geraten sind, nur noch unter großen Schmerzen oder durch Aufschneiden des Schuhes entfernt werden. Hier empfehlen sich Sandalen, aus denen die bösen Äste einfach wieder herausgezogen werden können.

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    Auch die Evolution scheint hier schneller voranzuschreiten, denn mit der Aufrüstung der Menschen auf zwei Räder haben auch die Pflanzen aufgerüstet. Mit zentimeterlangen Stacheln rauben Sie nun selbst erfahrenen Radfahrern die letzte Luft aus den Rädern.

    Summa summarum ist die Natur hier eine Augenweide, es sollt nur nicht vergessen werden, wie man sich und seine Sachen richtig schützt.


  5. Ausbildung in Auroville? YouthLink macht’s möglich!

    4. August 2016 von Ehemaliger WWler

    5782_10153178165371714_6137246724528745441_nHallo liebe Blog-Leser! Heute bekommt ihr im Interview mit der gebürtigen Aurovilianerin Suryamayi einen Überblick über YouthLinks Ausbildungs-Initiative in Auroville. Falls Ihr Euch fragt was YouthLink ist, klickt hier, das ist nämlich ne‘ coole Sache! 🙂 Der Artikel erschien ursprünglich in der letzten Ausgabe der AVI D News, die Ihr hier findet. Viel Freude beim Lesen und bis bald!

    Matthias: Was hat Dich zur Arbeit mit Youth Link gebracht?
    Suryamayi: Ich würde sagen, dass es für mich persönlich inspirierend war, zurück nach Auroville zu kommen und die Arbeit zu sehen, die Kavitha mit YouthLink geleistet hat. Vor allem, dass sie eine Struktur geschaffen hat, die es der Jugend erlaubt, sich wirklich zu engagieren, ihre Erfahrung einzubringen und ihre Teilnahme an Auroville-Prozessen zu gestalten. YouthLink ist auch insofern wichtig, als es die Verbindung zu den vielen Volontären, Praktikanten und Gästen herstellt, die nach Auroville kommen. Als ich vor 10 Jahren in Auroville aufwuchs, wäre ich Volontären nur durch reinen Zufall begegnet. Mir wurde klar, dass so viele inspirierende, energiegeladene junge Leute in Auroville leben und nach Auroville kommen. Aber es gab keine Plattform, die eine Interaktion ermöglicht hätte. Daher finde ich, dass die Entwicklung von YouthLink sehr positiv ist.

    Matthias: Was hat Dich motiviert, mit YouthLink am Ausbildungsprogramm für Auroville zu arbeiten?
    Suryamayi: Für mich war es aus sehr persönlichen Gründen inspirierend, als man mich nach meiner Rückkehr fragte, ob ich bei der Gestaltung des Ausbildungs-Programms helfen würde. Denn als ich mich als Jugendliche dafür entschied, das Abitur in Auroville zu machen, war das keine einfache Entscheidung. Als die letzten Schuljahre anbrachen, gab es absolut noch keine Garantie dafür, dass ich einen Abschluss würde machen können. Bis zu jenem Zeitpunkt verließen viele Jugendliche Auroville mit 14 Jahren, sehr jung, nicht notwendigerweise weil sie das wollten, sondern weil es in Auroville nicht genügend Auswahlmöglichkeiten in der Weiterbildung gab. Jetzt kann man bis zum Abitur in Auroville bleiben, danach werden wir jedoch wieder mit derselben Suche nach Alternativen zu einer Ausbildung außerhalb Aurovilles konfrontiert. Manche jungen Leute heißen die Idee, Auroville zu verlassen und eine neue Erfahrung zu machen, sehr willkommen. Andere können es sich aber entweder nicht leisten, Auroville zu verlassen oder wollen es nicht. Genau deshalb ist das Ausbildungs-Programm wirklich eine spannende Sache.

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    Matthias: Was wären die Vorteile eines Weiterbildungssystems in Auroville?
    Suryamayi: Wir verfügen in diesem Bereich in Auroville über umfangreiche Ressourcen. Wir genießen diese fantastische Kombination aus einer Einwohnerzahl von 2500 Menschen, was uns das familiäre Gefühl einer Kleinstadt gibt, in der die Leute die Jugendlichen kennen und sie ihnen am Herzen liegen. Deswegen sind die hier lebenden Experten für die Jugend auch direkt zugänglich. Obwohl die Gemeinschaft so klein ist, haben wir doch ein breites Spektrum an Experten verschiedenster Arbeitsfelder und eine Vielzahl an Gelegenheiten, von ihren zu lernen und mit ihnen zu arbeiten. Dies trifft sich gut mit den Bedürfnissen der Gemeinschaft im größeren Zusammenhang, z.B. in Bezug auf die Nachfolge in der Leitung bestimmter Projekte und Initiativen. Manche Gründer wollen die Leitung ihrer Projekte nach 20, 30 Jahren weiterreichen, um ihren Weiterbestand zu gewährleisten. Wir haben eine Menge kleinerer Unternehmen oder Start-Ups, die dringend mehr Humankapital benötigen, um zu wachsen. Und es ist ein schöner Weg, junge Leute durch Training an eine Arbeit heranzuführen. So überbrückt ein systematisches Ausbildungsprogramm Lücken auf vielen verschiedenen Ebenen. Für die Zukunft streben wir an, dass diese Ausbildungsprogramme auch für Jugendliche geöffnet werden, die keine Aurovilianer sind, um eine derartige Erfahrung im Auroville-Kontext zu ermöglichen. So ein Austausch geschieht bereits mit verschiedenen indischen Institutionen.

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    Matthias: Wie fügt sich das Ausbildungs-Rahmenprogramm in das Gesamt-Bildungssystem in Auroville?
    Suryamayi: Der Bildungsaspekt ist sehr interessant, da wir uns in Auroville mit dem großen Konzept der integralen Bildung beschäftigen und viele Debatten darüber führen, was das denn eigentlich bedeutet. Ich denke, dass Ausbildungen oder auf Fertigkeiten basierende Trainings einen Ort, der das Prinzip der integralen Bildung hochhalten will, auf eine bedeutende Art und Weise interessant machen. Es könnte allein für die Bildungslandschaft Aurovilles einen wichtigen Beitrag bedeuten. Die Schulen unterstützen das Ausbildungsprogramm und ich hoffe, dass es eine stärkere Vernetzung zwischen den Schulen Aurovilles fördern würde. Unser Plan ist es, Jugendliche aus verschiedenen Schulen und solche von außerhalb des aurovilianischen Schulsystems im Kern des Ausbildungsprogramms zu vereinen. Wir bitten die Schulen, entweder existierende Klassen zu öffnen oder weitere Unterrichtsfächer anzubieten, die in einem Fertigkeiten-basierten Kontext nützlich sind. Es wäre wundervoll für die Schüler, tatsächlich die verschiedenen Herangehensweisen an Bildung erfahren zu können. Ich denke, dass das unsere Vorstellungen von integraler Bildung, die im Moment in den verschiedenen Schulen sehr unterschiedlich sind, weiten könnte.

    DSC02821__1470312024_5.189.143.81Matthias: Was ist die Absicht hinter dem „Kernprogramm“ des angestrebten Ausbildungssystems?
    Suryamayi: Das Kernprogramm dient verschiedenen Zwecken. Ausbildungen sind nichts Neues in Auroville und das BBC (Budget Coordination Committee) unterstützt sie auch. Auszubildenden wird eine Maintenance zugestanden, die während der Ausbildung ausgezahlt wird. Das BBC hat für dieses Jahr mehr zur Seite gelegt, also erwarten sie einen Anstieg an Ausbildungen. Was jedoch bis jetzt gefehlt hat, ist ein verbindendes Rahmenprogramm. Ein Auszubildender in der Forstwirtschaft wird gegenwärtig nur den eigenen Mentor in Anspruch nehmen und das wird die gesamte Erfahrung ausmachen. Eventuell würde man hier und dort Kurse belegen, wenn der Mentor sie empfiehlt. Mit dem Kernprogramm hoffen wir dagegen, dass es allen Auszubildenden möglich wird, sich als Teil von etwas Größerem zu verstehen. Wir haben das Gefühl, dass das sehr wichtig ist. Auch haben wir von Mentoren die Rückmeldung bekommen, dass sie Auszubildende in grundlegenden Kenntnissen unterrichten mussten, die nicht unbedingt Teil der Lehre sind. Das Kernprogramm könnte also dazu dienen, Auszubildende in Kenntnissen zu schulen, die allgemein verfügbar sein sollten, wie zum Beispiel englische Kommunikation, Tamil, angewandte Mathematik und so weiter. Wir wollen auf die Bedürfnisse der Auszubildenden reagieren, anstatt in einem Vakuum zu planen. Wir haben eine Liste von Leuten, die sich bereit erklärt haben, in diesen Bereichen etwas in Form von Workshops oder Seminaren anzubieten. Sollte die Gruppe der Auszubildenden zuerst an wirtschaftlichen Themen interessiert sein, käme das dann als Erstes auf den Terminplan. Die Idee dahinter ist, dass sich Auszubildende auch selbst in ihre Ausbildung einbringen und sich dafür einsetzen, weil sie so auf eine praktische, lebensnahe Art lernen.

    DSC08649__1470312367_5.189.143.81Matthias: Ist das der Aspekt der integralen Bildung?
    Suryamayi: Genau, das ist das „Puzzleteil“ der Integralen Bildung und wir sind sehr darauf bedacht, das in der Gestaltung des Kernprogramms auch zu ermöglichen. Um zu meiner persönlichen Erfahrung zurückzukommen – das ist es, was ich am meisten an meiner Bildung in Auroville geschätzt habe: persönlich an der Ausgestaltung meiner eigenen Bildung beteiligt zu sein – energetisch, mental und emotional. Nicht nur auf der Ebene der persönlichen Entwicklung, sondern ich habe es auch als unglaublich nützlich empfunden, als ich Auroville verließ, um im Ausland und in anderen Umfeldern zu studieren. In die Ausgestaltung meiner eigenen Bildung involviert zu sein, war an sich eine Fertigkeit.
    Außerdem sollte die Erfahrung des Ausbildungsprogramms die Auroville-Dimension einschließen und neue Möglichkeiten bieten, diese zu erleben. Für die Entdeckung Aurovilles werden wir Leute engagieren, die über Folgendes sprechen: „Wie funktioniert die Ökonomie Aurovilles?“, „Wie funktioniert die Organisationsstruktur Aurovilles?“ Sodass die Auszubildenden tatsächlich begreifen, wie dieser Ort eigentlich funktioniert. Wenn ein Mentor der ganzen Gruppe etwas vorstellt, wird eine der Fragen an ihn sein: „Was bedeutet der Yoga der Arbeit für Dich?“ Denn das ist eine Schlüsselaufgaben Aurovilles: „Auroville ist für jene, die den Yoga der Arbeit ausüben wollen.“ Es wird enorm helfen, wenn die Auszubildenden von ihren Ausbildern hören, wie sie selbst an ihre Arbeit herangehen, denn jede Herangehensweise ist einzigartig. Das wird ihre eigene Perspektive in Hinblick darauf schärfen, was es bedeutet, in und für Auroville zu arbeiten. Auf diese Weise hoffen wir, tiefere Ebenen von Verständnis und Engagement im Auroville-Kontext zu fördern.

    Matthias: YouthLink plant, ein zertifiziertes „Ecovillage Design Education“ (EDE)-Programm in Auroville zu implementieren?
    Suryamayi: Ja, im Dezember kam jemand zu Besuch, der einmal Austauschstudent in Auroville war und jetzt für das Global Ecovillage Network (GEN) arbeitet, und führte einen kurzen EDE- Kurs mit uns durch. Das ist ein Programm, das von GEN und seinem Erziehungsprogramm „Gaia Education“ organisiert wird, ein offenes Curriculum, das im internationalen Austausch verschiedener Ökogemeinschaften durchgeführt werden kann. Der Rahmen dafür, wie ein EDE aussehen und was es beinhalten sollte, ist vorgegeben, aber der gesamte Inhalt kommt aus den Ökogemeinschaften, in denen EDE stattfindet. Das Programm kann in bestimmte Bereiche eingeteilt werden: soziale, umwelt-bezogene und weltanschauliche Bereiche. Wenn man das also auf den Auroville-Kontext übertrüge, ergäbe sich eine Auseinandersetzung mit Sri Aurobindo und Der Mutter im Bereich „Weltanschauung“. Im Bereich Umwelt würden die verschiedenen von Auroville unternommenen Initiativen vorgestellt werden.
    Also begannen wir, ein EDE für Auroville zu entwickeln. Die Idee dabei ist, dass auch Auszubildende Suryamayian EDE teilnehmen und mit den EDE-Studenten möglicherweise das teilen würden, was sie in Bezug auf die drei genannten Bereiche während ihrer Ausbildung in Auroville erfahren haben. EDE würde gut in das aurovilianische Ausbildungsprogramm passen, da Gaia Education, der Träger der EDE-Programme, von der UNESCO als entscheidender Partner in ihrem „Global Action Program (GAP)“, anerkannt worden ist, das sich weltweit um Erziehung zum Thema „Nachhaltige Entwicklung“ bemüht. Wir befinden uns in einem Bewerbungs-Prozess, um für unsere EDE sowohl die Zertifizierung von Gaia Education zu erlangen, als auch Partner des GAP-Programms der UNESCO zu werden. Wir sind recht zuversichtlich, dass wir beides erhalten werden. Dies würde Verbindungen zwischen Jugendlichen aus Auroville und aus aller Welt fördern. Dafür würden wir Programm-Plätze in den EDE-Kursen für Jugendliche aus anderen Ökodörfern oder intentionalen Gemeinschaften reservieren. Zum Beispiel könnten wir jemanden aus Findhorn aufnehmen und im Austausch würde Findhorn für 3 Monate junge Aurovilianer einladen. Das könnte den Horizont für junge Aurovilianer enorm erweitern.

    Matthias: Wie könnten Mitglieder von AVI oder ehemalige Freiwillige, Leute in Deutschland oder Freiwillige, die gerade in Auroville arbeiten, helfen?
    Suryamayi: Nun ja, ich weiß, dass Deutschland sehr gute Ausbildungsprogramme hat und dass viele Freiwillige schon Ausbildungen hinter sich haben. Vielleicht gibt es Mitglieder von AVI oder junge Leute, die in der Lage wären, ihr Wissen in bestimmten Bereichen der Ausbildungsprogramme mitzuteilen. Das wäre sehr hilfreich. Fördergelder sind natürlich immer hilfreich. Wir werden sehen, ob das Auroville BCC (Budget Coordination Committee) in der Lage sein wird, alle für das Ausbildungsprogramm erforderlichen Maintenances abzudecken, wenn es sich einmal ausweitet.
    Wichtiger im Sinne von Unterstützung wären bestimmte Materialien für bestimmte Ausbildungsbereiche oder Projekte: Zum Beispiel für jene, die zum Ende ihrer Ausbildung kommen und ein Abschlussprojekt oder eine Art Gesellenstück erarbeiten möchten, das ihnen wirklich erlaubt, mit allem, was sie gelernt haben, zu experimentieren und ein Produkt zu erstellen, das sie präsentieren können, das ihre Arbeit exemplarisch darstellt. Eine weitere Möglichkeit wären Mentorenschaften. Wenn Mitglieder von AVI zu Besuch kommen und etwas zum Kernprogramm beitragen möchten, könnte das interessant sein. Offen gesagt, wäre es auch sehr interessant, AVI selber vorzustellen, sodass die Jugend die Rolle von AVI wirklich versteht und den Kontakt herstellen kann. Junge Leute aus Auroville könnten Praktika im Ausland machen, in Deutschland, Frankreich oder wo auch immer es AVI Center gibt. Mitglieder von AVI könnten Auszubildenden aus Auroville Arbeitserfahrungen in ihren eigenen Arbeitsbereichen ermöglichen, auch nach ihrem Abschluss. Das wäre das natürlich auch sehr hilfreich.

    Matthias: Vielen Dank für dieses Interview, Suryamayi.

    youthlinkteam